Kontinentales Frühstück

McClintocks "Before Croissants and Coffee" und ein Gedicht von Fontane

Vor Croissants und Kaffee

Kurz, vor dem morgendlichen Berufsverkehr, bevor die Backstube ihr Morgenbrot zum Auskühlen auf die Roste legte, bevor der Wecker des Briefträgers neben dessen Bett schellte, und der Hund, weil er hinaus wollte, kratzte, ging ein Sommerregen nieder auf die Straßen und Boulevards von Paris.

Du schliefst – ich sah einen Traum über deine Stirn huschen und wollte dich nicht wecken. Ich beobachtete allein vom Balkon aus, wie die nassen, glänzenden Gehwege die Wolken spiegelten.

Von unten
hör ich das Auslegen und
Richten der Brote;
gegenüber trottet
ein Hund aus seiner Tür.

Das Postauto
rast vorbei in gebotener Eile:
der Regen hat aufgehört,
du erwachst,
und wir umarmen uns.

Als ich Michael McClintocks "Before Croissants and Coffee" (1) las, fühlte ich mich augenblicklich an Theodor Fontanes Gedicht "Würd' es mir fehlen, würd' ich's vermissen?" erinnert, diese gerade mal vierzehn Zeilen, geschrieben in jener beiläufigen Art, die wahre Meisterschaft verrät. Was schrieb Fontane 1888, das mir bei McClintocks Stück gleich in den Sinn kam? Er beschrieb die kleinen morgendlichen Szenen unten auf der Straße, wie er sie von seinem Fenster aus beobachtete – allerdings nicht vor dem Frühstück sondern danach (2):

Heute früh, nach gut durchschlafener Nacht,
Bin ich wieder aufgewacht.
Ich setzte mich an den Frühstückstisch,
Der Kaffee war warm, die Semmel war frisch,
Ich habe die Morgenzeitung gelesen.
(Es sind wieder Avancements gewesen.)
Ich trat ans Fenster, ich sah hinunter,
Es trabte wieder, es klingelte munter,
Eine Schürze (beim Schlächter) hing über dem Stuhle,
Kleine Mädchen gingen nach der Schule –
Alles war freundlich, alles war nett,
Aber wenn ich weiter geschlafen hätt'
Und tät' von alledem nichts wissen,
Würd' es mir fehlen, würd' ich's vermissen?

Fontane war da fast siebzig und stand noch vor der Veröffentlichung einiger berühmter Werke, wie dem Roman Effi Briest. Aus seinem Gedicht erfahren wir, er sei "[...] nach gut durchschlafener Nacht, / [...] wieder aufgewacht": das eine wie das andere keine Selbstverständlichkeit in seinem Alter. In den Zeilen 7 bis 10 schauen wir mit ihm aus dem Fenster und erleben den Begin eines weiteren Tages in den Straßen von Berlin, wo er in einer Wohnung im dritten Stock lebte.

Anstelle eines Bäckers gibt es einen Schlächter. Kein Hund gegenüber, aber "Kleine Mädchen gehen nach der Schule –". Teil der erwachenden Stadt werden ein Briefträger und Pferdegespanne gewesen sein, um nur eine mögliche Erklärung für "trabte" in "Es trabte wieder, es klingelte munter," beizusteuern, eine, in der auch der tägliche Trott mitschwingt. Und das Klingeln? Türschellen vielleicht, helle Glöckchen am Zaumzeug der Pferde, womöglich frühe Straßenbahnwagen. Hier haben wir, angesiedelt im ausgehenden 19. Jahrhundert, das Gegenstück des morgendlichen Pariser Berufsverkehrs und eine seltsame Querverbindung zum Wecker des Briefträgers. Verschiedene Epochen, verschiedene Kulissen, aber in beiden Stücken die gleiche Klarheit und Lebendigkeit: "Alles war freundlich, alles war nett", wie wir Zeile 11 entnehmen.

In beiden Fällen tragen visuelle und auditive Elemente zur Lebendigkeit bei. Flüchtige Einblicke ins Arbeitsleben und Hinweise auf die tägliche Routine von Mensch und Tier vermitteln ein Gefühl von Vitalität und Geschäftigkeit. Während jedoch Fontanes Blick einem Genrebild oder einem urbanen Schnappschuss gleicht, ist McClintocks Darstellung dynamischer, wie ein Kurzfilm, der in schneller Folge Szenen mehrerer Sets mit einer skizzenhaften Handlung verflicht. Das ist tatsächlich seine Methode, und er setzt sie ein mit einer Spur der allwissenden Haltung, die Fontane als Romancier annahm. In seinem ersten Absatz schildert McClintock nämlich Szenen, die sein lyrisches Ich unmöglich gesehen oder gehört haben kann. Allenfalls kann es aufgrund früherer oder späterer Beobachtung Vermutungen darüber anstellen. Sonderbar: Wir neigen dazu, Letzteres anzunehmen.

Beide Autoren bedienen sich der Alltagsszenen, um etwas gänzlich anderes mitzuteilen. Fontane stellt sie direkt ins Herz seines Gedichtes, wo sie die vagen Konturen seines Zimmers überstrahlen. Lebhaft wie sie sind, behandelt er sie doch beiläufig, als schickte er sich an, sich abzuwenden. Er wiederholt die Straßenszenen nicht, wie McClintock es so plakativ macht; er gibt sich damit zufrieden, abermals das Wort wieder einfließen zu lassen. Der alte Herr hat das Gewimmel viele Male zuvor betrachtet, er muss nicht hinschauen, muss nicht einmal aufstehen, will er wissen, was dort unten vor sich geht. Und so fragt er denn: "Würd' es mir fehlen, würd' ich's vermissen?"

Ist es Überdruss? Fast macht Fontane es uns in seinem Plauderton glauben. Aber das vertraute Treiben ist ihm doch wichtig; als Autor, der daraus schöpft, wird er kaum darauf verzichten wollen, oder? Freilich könnten wir seine Frage auch als bloße Gedankenspielerei auffassen, auch mit ihrer Einleitung "Aber wenn ich weiter geschlafen hätt' / Und tät' von alledem nichts wissen".

Hier kommt jedoch das anfängliche "Bin ich wieder aufgewacht." zum Tragen. Bei genauem Lesen ist Fontanes Frage ein Nachsinnen über die Leere des Daseins und Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit. Einige seiner Freunde waren bereits verstorben und sein ältester Sohn im Jahr zuvor zu Grabe getragen worden. Der Tod, jener dunkler Bruder des Schlafes, beschäftigte ihn. So gelesen leitet Zeile 12 weder Koketterie noch Überdruss ein, sondern einen plötzlichen Schmerz angesichts der Endlichkeit auch des eigenen Lebens. Fontane machte sich wohl keine Illusionen: Das ihm teure Gewimmel dort draußen würde auch ohne ihn, den Dichter und Erschaffer ganzer Welten, bestehen.

McClintock hingegen bringt seine Straßenszenen überall – außer im Herzen seines Stückes, das auch er aufhebt für dasjenige, was ihm das Teuerste ist: "Du [...]". Es ist der ruhigste Teil seiner Tankaprosa. Diese Ruhe wird von einer Parallelkonstruktion noch verstärkt. Denn wie der Traum nur über die Stirn der Geliebten huschend in Erscheinung tritt, zeigen sich die Wolken nur auf den nassen, glänzenden Trottoirs. Die kurze Tankaprosa hat eine ausgefeilte Struktur, und der zweite Absatz spielt darin die Schlüsselrolle. Er dient als Spiegelachse und erfüllt seine Aufgabe umso überzeugender, da er so ruhig und geschliffen ist.

In Einklang mit dem Traum und den Wolken werden die morgendlichen Szenen im ersten Absatz ebenfalls indirekt behandelt. Was wir dort vorgelegt bekommen, findet noch gar nicht statt. Und was immer dem während des Regens voranging, wird nicht erwähnt. McClintock gibt uns eine Sneak-Preview. Dann geht er zurück in der Zeit, zum kurzen Sommerregen und dem Traum. Er lässt das lyrische Ich auf den Balkon heraustreten und die gespiegelten Wolken betrachten. Und erst dann, in den Tanka, wird das Brot, das in der Prosa noch buk, auf die Roste gelegt, trottet der Hund, der in seinem Körbchen den Schauer abwartete, aus seiner Türe, rast der Briefträger (in tiefem Schlaf bei seiner Einführung) vorbei – und die geliebte Träumende erwacht. Wir hatten eine Spiegelung betrachtet; erst in den Tanka nimmt sie wirklich Gestalt an. Schließlich, nach weiterem "bevor", wird es Frühstück geben. Der Titel legt es nahe, und wir dürfen annehmen, dass ein schöner Tag folgen wird.

Weshalb dieser komplexe Umgang mit der Zeit, diese Schatten zukünftiger Ereignisse? Es ist klar: Die Prosa dieses Stückes ist reine Erwartung, eine schlummernde Welt, die darauf wartet, wie in Dornröschen wachgeküsst zu werden. Der Kuss ist der Sommerregen. Die Tanka jedoch, handeln von Erfüllung und das letzte endet in einem Ton, der mehr verheißt. Fontane zeigt mit seinen Szenen auf den Tod und will uns damit sagen, wie wunderbar trotz allem das Leben ist; McClintock zeigt mit ihnen auf die Liebe und erinnert uns daran, wie kostbar unsere Zeit ist. Sein "Kurz" und "in gebotener Eile" sind Hinweise auf die Vergänglichkeit, und in deren Kontext spricht der Traum für sich. Die beiden Dichter sind gar nicht so weit von einander entfernt.

Zugegeben, Fontanes Gedicht hat einen melancholischen Unterton und beschreibt die tägliche Routine eines älteren Herren, lesen wir es mit seinem Autor vor Augen. Aber wir könnten uns ein jüngeres lyrisches Ich und eine etwas andere Stimmung vorstellen. Und Berlin wird ja gar nicht erwähnt: Es ist Hintergrundwissen, das uns dorthin bringt. Dennoch ist die erste Interpretation zulässig. Läsen wir das Gedicht ohne Bezugnahme auf Fontanes Biografie, ginge ein Teil seiner Tiefe verloren.

McClintocks beschwingtes Stück scheint vielmehr eine Unterbrechung des Alltags zu sein. Alles, was er beschreibt, ist so frisch und neu wie mit den Augen eines Liebenden (und Reisenden) betrachtet. Der Ort der Handlung ist Paris und wir dürfen davon ausgehen, dass das Paar nicht dort lebt; sonst hätte der Namen der Stadt keiner Erwähnung bedurft. Somit neigen wir dazu, uns die beiden in einem Hotel vorzustellen. Ist es der erste Morgen ihres Aufenthaltes? Wir können es nicht wissen. Aber die Frische von allem lässt uns annehmen, dass die Szenen des ersten Absatzes erst aus späterer Beobachtung hergeleitet wurden. Wir mögen den Autor für die Ich-Person halten oder uns ein jüngeres, weibliches lyrisches Ich vorstellen; die Grundstimmung des Stückes bliebe in etwa gleich.

Betrachten wir schließlich den Schreibstil beider Texte, fällt zunächst der wie absichtslos wirkende Endreim von Fontanes Gedicht auf. Fontane, ein Meister der Causerie, präsentiert seine Zeilen fast als Selbstgespräch. Und wie wir gesehen haben, mildert ihr plauderhafter Ton ab, was Finsteres hinter ihnen liegt. Die Prosa von "Before Croissants and Coffee" liest sich dagegen wie Poesie. Die Tanka, getragen von der lyrischen Prosa und mit ihrem (in der Englischen Fassung) sehr effektiven Einsatz von Konsonanz, Assonanz und Phrasierung, lassen die Prosa in auffallend nüchterner Weise nachklingen, bevor sie deren Handlung weiterführen. Diese seltsame Verkehrung entspricht der schlummernden Welt vor dem Regen und der erwachenden Stadt danach.

Ein markantes Stilmittel dieser Tankaprosa ist Wiederholung mit leichter Variation. Die Tanka bleiben nah an der Prosa, vollziehen dessen Entwicklung mehr oder weniger nach und greifen ihre Gefühlsebene auf. Wenn wir die Geschichte des Tanka zurückverfolgen, sehen wir, dass diese Gedichtform als hanka (Gegenlied) dazu diente, längere Lieder (chōka) zu spiegeln und zu verdichten. In Anbetracht der lyrischen Qualität, die McClintocks Prosa aufweist, dürfen wir mit Fug und Recht behaupten, dass seine Tanka als Gegenlied fungieren. Ihre Verbindung zur Prosa muss gar nicht weniger offensichtlich sein; so wie sie sind, können sie ihre Wirkung bestens entfalten.

Seltsamerweise können wir uns vorstellen, wie die geliebte Träumende in McClintocks Stück nach der Umarmung aufsteht und den Tag wie das lyrische Ich in Fontanes ersten Zeilen angehen lässt. Fontane mag sich hingesetzt oder ans Pult gestellt haben, um seine Eindrücke und Gedanken mit seinen Lesern zu teilen; das Paar in Paris wird zusammen das Frühstück zelebrieren. Keine Frage, die Träumende wird alles erfahren über die Straßen, die der Regen wachküsste – und mit ihrem Liebsten wird sie sie entdecken.

Fußnoten

  • Erstveröffentlichung des Essays in Modern Haibun & Tanka Prose, herausgegeben von Jeffrey Woodward. Nr. 2 – Baltimore, Maryland: Modern English Tanka Press, 2009, S. 169-173. Für die deutsche Fassung habe ich den Text leicht überarbeitet. Link: http://www.themetpress.com/modernhaibunandtankaprose/digital/mhtp2.pdf
  • 1. In Modern Haibun & Tanka Prose, herausgegeben von Jeffrey Woodward. Nr. 1 – Baltimore, Maryland: Modern English Tanka Press, 2009, S. 129. Link: http://www.themetpress.com/modernhaibunandtankaprose/digital/mhtp1.pdf. Übersetzung: Ingrid Kunschke
  • 2."Würd' es mir fehlen, würd' ich's vermissen?" - Aus: Theodor Fontane, Werke, Briefe und Schriften. Herausgegeben von Walter Keitel und Helmuth Nürnberger. Band 6: Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1978.

Erstellt am 28.05.2013

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