Viele Tanka – ein Lied

Tanka sind selbständige Gedichte. Wie vorhandene Tanka (noch dazu verschiedener Autoren und Epochen) zu Sequenzen geordnet werden können, zeigen die kaiserlichen Sammlungen. Ihrem ursprünglichen Kontext entnommen, fügen die Tanka sich nahtlos ein, bekommen aufgrund ihres Platzes in einer Anthologie mitunter sogar einen anderen Schwerpunkt. Das Resultat: Sammlungen kurzer Lieder, die zusammen ein langes ergeben.

Andererseits zeigen die hyakushu-uta (Serien bestehend aus 100 Tanka), dass sich lange Sequenzen bilden lassen, deren Glieder nur einen Bezug zu den jeweils vorhergehenden und nachfolgenden Versen aufweisen, ohne mit den übrigen in Verbindung stehen zu müssen.

Rensaku

1897 veröffentlichte Masaoka Shiki erstmalig Sequenzen, deren Tanka ein gemeinsames Thema behandelten. Einer seiner Schüler, Sachio Itō, prägte 1902 für derartige Serien, die eine gewisse Struktur und Einheit aufweisen, den Begriff rensaku. Der Name seines Schülers Saitō Mokichi (1882-1953) ist mit dem rensaku eng verbunden. Wie niemandem zuvor gelang es ihm, gut strukturierte Sequenzen selbständiger Tanka zu verfassen, die in der Lage waren, das komplexe Innenleben des modernen Menschen abzubilden.

Zusammenhang und Entwicklung

Eine Sequenz (gelegentlich auch "Suite" genannt) zeigt eine gewisse dramatische oder psychologische Entwicklung. Sie kann nach filmischer Manier verschiedene Perspektiven und Sprünge aufweisen. Der Autor nähert sich dem Thema, oft ein Schlüsselerlebnis, indem er Stimmungen als roten Faden benutzt, Gegensätze ausarbeitet oder auflöst. Während er das Thema vertieft, führt er die Reihe frei assoziierend weiter. Der innere Zusammenhang darf dabei nicht vernachlässigt werden. Chronologische Darstellung, Tempo, Atmosphäre und die Gliederung in Stationen können zu einem stimmigen Gesamteindruck beitragen. Manche Sequenzen beschreiben einen Zyklus; sie schlagen am Ende einen Bogen zum Anfang.

Gestaltungselemente

Weitere Gestaltungselemente sind Wiederholung und Anapher. Ganze Zeilen, Satzteile oder einzelne Wörter können im Laufe der Reihe wiederholt werden, um den inneren Zusammenhang zu verstärken. Die Anapher ist eine einleitende Wiederholung: Jedes Tanka beginnt mit den gleichen Worten, die das Motto der Sequenz hervorheben.

Einsatz

Wenn ein Thema mehr hergibt als in einem einzigen Tanka ausgedrückt werden kann, bietet es sich geradezu an, eine Sequenz zu schreiben. Womöglich bringt ein eingangs als Einzelstück geschriebenes Tanka auch überraschend weitere hervor, indem es an bisher Verborgenes rührt, wodurch sich neue Facetten ergeben, die sich jeweils in einem Tanka verarbeiten lassen. Und vielleicht fallen einem bei Durchsicht seiner früher geschriebenen Tanka auch solche auf, die – präsentierte man sie zusammen als Serie – eine andere, stärkere Wirkung hätten. Denn nicht der Zeitpunkt ihrer Entstehung bestimmt, ob mehrere Tanka eine Sequenz bilden; es ist ihre wohlüberlegte Zusammenstellung, Anordnung und Ausgestaltung, die sie dazu macht. Ähnlich wie Tanrenga und andere Kettendichtung ergeben sich Sequenzen gelegentlich auch aus einem Dialog zweier Autoren.

Literatur

  • Janine Beichman: Masaoka Shiki. Kodansha International, Tokyo 1986
  • Sanford Goldstein and Seishi Shinoda: Red Lights. Selected Translation of Shakkō by Saitō Mokichi. Purdue Research Foundation, West Lafayette, Indiana 1989
  • Janine Beichman-Yamamoto: Masaoka Shiki's A Drop of Ink. In: Monumenta Nipponica XXX, 3 (1975)

Erstellt am 21.07.2005 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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