Was ist ein Tanka?

Tanka bedeutet kurzes Lied, kurzes Gedicht. Ohne große Kraftanwendung bewegt es Himmel und Erde, besänftigt die Gefühle unsichtbarer Geister und Götter, schafft Gleichklang zwischen Mann und Frau und bringt Ruhe in die Herzen zorniger Krieger. So schön steht es im Vorwort der klassischen Sammlung Kokin Wakashū. Diese knappe Einführung kocht es auf wenige Eckdaten runter.

Ein kurzes Lied

Etwa tausend Jahre war das Tanka die vorherrschende Lyrikform Japans. Anfangs nannte man es deshalb schlicht uta, Lied, oder "yamato uta", japanisches Lied. Später, bis zu seiner Erneuerung in der modernen Zeit, bezeichnete man es als waka ("japanisches" aber auch "harmonisches" Lied). Es ist eigentlich dieses waka, von dem im Vorwort der erwähnten Sammlung die Rede ist. Im Folgenden steht der Begriff Tanka für klassische und moderne Gedichte des Genres.

In seinem Ursprungsland wird das Tanka von alters her als Gesang dargeboten. In zeremoniellem Rahmen rezitiert man es, um es anschließend feierlich zu singen. Die wichtigste Zeremonie dieser Art ist das Utakai Hajime (das Vortragen von Tanka am Kaiserhof zu Jahresbeginn). Heutzutage ist es wohl den wenigsten Tanka beschieden, als Lied vorgetragen zu werden; die meisten stehen in Büchern, Zeitschriften und Internet, und wenn du sie liest, dann wahrscheinlich leise für dich. Es lohnt sich aber, sie mehrfach laut zu lesen, weil ihr Klang dann besser zur Geltung kommt.

Form

In Japan

Traditionell besteht das japanische Tanka idealerweise (aber eben nicht immer!) aus 31 Moren, die sich nach dem Schema 5-7-5-7-7 über fünf Segmente verteilen. Moderne Tanka können von dieser Regel durchaus abweichen oder mit der Verteilung der Moren spielen. In der Regel werden die Tanka in einer senkrechten Zeile gedruckt; für eine Kalligrafie gestaltet man das Gedicht nach ästhetischen Gesichtspunkten.

Im Westen

Im Westen, wo man ein Morenschema ohne Endreim und Versfuß nicht automatisch als Poesie begreift und Gedichte in der Regel in Zeilen notiert, hat es sich eingebürgert, die Struktur des Tanka in fünf Zeilen von insgesamt etwa 31 Silben wiederzugeben. Manche Autoren beachten diese Silbenzahl genau, andere gliedern ihr Gedicht in entsprechend kurze und "lange" Zeilen, um dem Genre auf ihre Weise gerecht zu werden. Welche Form ein Autor wählt und wie strikt oder frei er dabei vorgeht, ist abhängig von der Bedeutung, die er einzelnen Aspekten des Genres beimisst und von der Aussage, die er im Einzelfall bezweckt.

Kontext und Gestaltung

Einzelne Tanka haben keine Überschrift, wie wir es von westlichen Gedichten gewohnt sind. Sie können aber eine knappe, manchmal auch längere, einführende Prosa vorangestellt bekommen, oder in lyrischer Prosa eingebettet sein. Wenn mehrere Tanka eine Sequenz bilden, trägt diese eine Überschrift.

Die Zeilen eines Tanka können unterschiedlich gruppiert und eingerückt sein, um dessen Inhalt oder inneren Rhythmus optisch darzustellen. Eine schlichte linksbündige Ausrichtung konzentriert dagegen die Aufmerksamkeit des Lesers auf Wortlaut und Klang. Die Gestaltung eines Tanka kann seine Wirkung unterstützen, im ungünstigen Fall jedoch eher von der Aussage ablenken.

Inhalt und Stil

Der Bereich und die Stärke des Tanka ist das Fragment. Sein zentrales Thema ist die Vergänglichkeit, gern in Gestalt der Liebe. Grundsätzlich kann alles im Tanka bearbeitet werden, nur nicht in jedem Ton und jeder Ausprägung. Was ein Tanka inhaltlich und stilistisch ausmacht, hat jede Epoche für sich beantwortet. Zu welchem Resultat das geführt hat, und wie moderne westliche Tanka aussehen können, dem will diese Website nach und nach auf dem Grund gehen.

Erstellt am 28.12.2004 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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