Ferris Wheel

Kozue UZAWA and Amelia Fielden (Editors): Ferris Wheel. 101 Modern and Contemporary Tanka. Translated by Kozue Uzawa and Amelia Fielden. Cheng & Tsui Company Boston, 2006. Perfect bound, 132 pages, $20.95; ISBN: 0887274943.

Runde um Runde

Ferris Wheel (Riesenrad) heißt die Anthologie moderner und zeitgenössischer japanischer Tanka, die Kozue Uzawa und Amelia Fielden 2006 vorgelegt haben. Der Titel bezieht sich auf das erste, dem Vorwort vorangestellte Tanka:

ferris wheel,
go round and round!
memories last
one day for you
a lifetime for me

Kyoko Kuriki

Ein scheinbar einfaches und doch wirkungsvolles Gedicht, von denen es unter den insgesamt 101 dieser Sammlung mehr gibt. Vordergründig handelt es von einem Riesenrad, von Lebenshunger; tatsächlich hält dieses berühmte Liebes-Tanka den heutigen flüchtigen Beziehungen das Ideal einer beständigeren Zuwendung entgegen. Der wunderbare Sprachfluss des japanischen

kanransha / mawareyo maware / omoide wa / kimi niwa hitohi / ware niwa hitoyo

wird in der Übersetzung nachvollzogen.

Kozue Uzawa hat die Tanka aus denen ausgewählt, die sie über Jahre für sich in ein Notizheft aufgezeichnet hatte, weil sie sie beim Lesen besonders berührten. Das Resultat ist eine persönliche Auswahl, die ganz unterschiedliche Stimmungen und Aspekte des Lebens umfasst. Wie sie die Tanka mal hier mal dort "gefunden" hat, so hat Kozue Uzawa sie in Ferris Wheel weder chronologisch, noch nach Autoren, sondern kaleidoskopisch geordnet. Auf der Suche nach eigenen Entdeckungen kann man an jeder Stelle des Buches einsteigen. Und findet dann etwa dieses Gedicht, das gekonnt einen flüchtigen Augenblick einfängt und ihm einen beachtlichen Nachhall verleiht:

the sun hid
at once the young leaves
became dark
it was swifter than
betrayal

Mochiko Miyahara

Oder dieses Tanka, das das vergängliche Ich mit einem ewigen Bild verknüpft:

they say–
there is a harp
so full of music
it starts singing by itself
ah, that was I, last autumn

Kyoko Inaba

Die Tanka in Ferris Wheel sind frisch, evokativ, Ausdruck eines ganz und gar modernen Selbstverständnisses. Sie verwenden unverbrauchte Bilder und greifen Themen auf, die einen angehen. In den wenigen Fällen, wo Konventionelles einfließt (sei es die Pflaumenblüte, ein Glühwürmchen oder Herbstlaub), geschieht dies auf neuartige Weise.

my cat's
light breathing
clouds the glass door
into the shape of
a white plum blossom

Sachiko Saito

a firefly
is flying around me
on the dark road;
what kind of river
might I be?

Toshio Mae

Viele Gedichte der Anthologie liegen erstmalig in englischer Übersetzung vor. Kozue Uzawa, Redakteurin von Gusts, der ersten englischsprachigen Tanka-Zeitschrift Kanadas, ist selber Tanka-Dichterin und war Professorin für Japanische Sprache und Kultur an der University of Lethbridge in Alberta, Canada. Ihre Co-Übersetzerin, die Australierin Amelia Fielden, ist eine namhafte Übersetzerin und Tanka-Dichterin. Neben Sammlungen zeitgenössischer Tanka japanischer Dichterinnen hat sie mehrere Bücher mit eigenen Tanka veröffentlicht. Für Ferris Wheel, ihr zweites gemeinschaftliche Projekt, erhielten die beiden den Japan-US Friendship Commission Prize 2007 for the Translation of Japanese Literature.

Die Tanka werden auf jeweils einer Seite durchgehend zentriert präsentiert: zuerst die englische Übersetzung in fünf Zeilen, dann horizontal und einzeilig das Tanka in japanischer Schrift, gefolgt von dessen Transkription in römischer Schrift und fünf Zeilen. Dies ergibt ein ausgewogenes Bild und erleichtert den sprachlichen Vergleich. Überhaupt wurde viel Wert auf Zweisprachigkeit gelegt. Nicht nur das Vorwort mit Uzawas Ausführungen zur Form ist in englischer und japanischer Sprache enthalten, die kurzen biografischen Notizen im Autorenverzeichnis sind es ebenfalls. Eine Danksagung für erhaltene Rechte und eine ausgewählte Bibliografie sind angefügt.

Wenn es denn einen kleinen Kritikpunkt gibt, dann diesen: dem Leser hätte ruhig etwas mehr abverlangt werden können. Wie in einer Anmerkung angekündigt, werden lange Vokale in der Transkription durch Doppelung wiedergegeben, in Namen jedoch nicht oder mit "h" gekennzeichnet. Japanische Namen werden zudem im westlichen Stil geschrieben. Dies ist sehr zuvorkommend als Hilfestellung für den Leser gedacht. Mit Hinblick auf andere Veröffentlichungen wäre es jedoch klarer gewesen und hätte weniger Erläuterungen bedurft, die langen Vokale wie üblich mit Makron (ū; ō) und die Namen im japanischen Stil zu notieren.

Das nimmt nicht weg, dass wir es hier mit einer sehr ansprechenden Sammlung zu tun haben, die einen guten Überblick über die zeitgenössische japanische Tankalyrik verschafft und somit das Standardwerk Modern Japanese Tanka von Ueda sehr schön ergänzt. Wie ich jenes schon fast zerlesen habe, werde ich auch Ferris Wheel immer wieder aufnehmen und Runde um Runde darin schmökern.

looking at
the Noh mask of a young woman
I feel white arrows
silently flowing
under the faraway ocean

Kimihiko Takano

scent
of a narcissus
rises softly–
I could say you are
someone like that

Masayuki Yabe

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Kozue Uzawa's Tanka Pages

Erstellt am 22.05.09 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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