Fire Pearls

M. Kei: Fire Pearls. Short Masterpieces of the Human Heart. Tanka, Kyoka, Cinquains und mehr. Herausgegeben 2006 von M. Kei, trade paperback, 160 S., $14.95 USD. Bezug über www.Lulu.com/firepearls oder M. Kei, P. O. Box 1118, Elkton, MD 21922-1118, USA

Die Regungen des Herzens

Etwa vierhundert Gedichte von über fünfzig Autoren aus aller Welt hat M. Kei, u.a. bekannt als Moderator der E-List "Kyoka Mad Poems", zur Anthologie Fire Pearls zusammengestellt. Gewidmet hat er den Band Denis M. Garrison, Autor und Herausgeber von Modern English Tanka, und dem namhaften Tanka-Dichter und Übersetzer Sanford Goldstein.

Nahezu alle teilnehmenden Autoren stammen aus englischsprachigen Ländern; insbesondere die USA, Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland sind vertreten. Aufnahme fanden neue und bereits veröffentlichte Fünfzeiler über die vielfältigen Regungen des Herzens.

Neben Tanka, die den Löwenanteil stellen, präsentiert die Sammlung auch Kyōka, Cinquains und freie Verse, ohne die einzelnen Gedichte dem einen oder anderen Genre zuzuordnen. Damit ist einerseits ein möglichst breites Spektrum dessen garantiert, was heute gemeinhin als Tanka geschrieben wird, andererseits kalkuliert dieses Vorgehen eine gewisse Unschärfe mit ein. Somit bleibt es dem Leser überlassen, herauszufinden, ob er sich gerade ein Tanka freier Form oder einen freien Vers zu Gemüte führt, oder soeben die Grenze vom Tanka zum Kyōka überschreitet.

Beim Cinquain hat er es da leichter: Diese vom Tanka inspirierte westliche Form erscheint als einzige zentriert.

Too late
for us to dream
the dreams of happiness–
our road has forked, meandering,
and yet.

Zhanna P. Rader

Ansonsten ist das Cinquain auch am typischen Silbenschema 2-4-6-8-2 zu erkennen, das durchgehend eingehalten wird. Im Vorwort findet sich ein kurzer Abriss zu den verschiedenen Formen, der jedoch dieses Wissen vorauszusetzen scheint; ein kleines Manko für deutsche Leser, die in der Regel nicht mit dem Cinquain vertraut sind.

Manchem mag das Nebeneinander der Formen Anlass sein, seine eigene Definition von Tanka zu überprüfen. Die Anthologie lässt sich aber auch ganz unbeeindruckt von solchen Fragen lesen und genießen. Und da begegnet einem dann alles, was der Mensch im Herzen trägt: Liebe, Hass, Eifersucht, Wut, Freude, Entzücken und wie die Gefühle alle heißen, die einen zwischen Sehnsucht und Verzweiflung befallen können.

Fire Pearls, Perlen aus Feuer, verspricht der Titel. Verse über Liebe und Leidenschaft begleiten einen denn auch die gesamte Lektüre hindurch:

mesmerized
as you come to me
lover legs
kicking the world
off the bedroom stairs

Jack Prewitt

Zeilen zu häuslicher Gewalt, gleichgeschlechtlicher Liebe, Transsexualität, Scheidung und anderen oft ausgeklammerten heißen Eisen stehen Seite an Seite mit leichtfüßigen, augenzwinkernden Gedichten und lassen keinen Aspekt des Lebens aus.

you can leave
me if you wish–
i doubt i'd
want me either,
a woman deformed

An Xiao

Wie wird aus dieser Fülle eine Anthologie? M. Kei hat, wie er im Vorwort schreibt, den Band in fünf Jahreszeiten gegliedert, die die Bedeutung der Natur im Tanka widerspiegeln sollen. Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind bekannt. In diesen Abschnitten trifft man auf Verse, die einen eindeutigen Jahreszeitenbezug haben, oder von ihrer Grundstimmung her hierhin zu gehören scheinen. So etwa das eindringliche, kraftvolle und dennoch von Zerbrechlichkeit kündende

Like Gauguin's
violet lover
palm open
I offer this
raw heart.

von Pamela Miller Ness im Abschnitt "Frühling" und Thelma Marianos eher kontemplatives

years on my own
I still stare after
a white-haired couple
the way his body
shields her from the wind

das einen mit einem Stich in den Winter versetzt. Die fünfte Jahreszeit beherbergt Gedichte, die sich nicht ohne weiteres einordnen lassen und zeigt eine etwas höhere Kyōka-Dichte:

after our smiles
all in a flash;
I'm too old, she's too young
and furthermore
I'm married

Tom Clausen

Ganz geht dieses Konzept nicht auf, denn zum Beispiel Margaret Chulas inhaltlich wie klanglich wunderbares Tanka

the black negligee
that I bought for your return
hangs in my closet
        day by day plums ripen
        and are picked clean by birds

wäre leicht einer Jahreszeit zuzuordnen gewesen, während einige Gedichte aus den ersten Abschnitten mit gleichem Recht anderswo hätten untergebracht werden können. Dies sind jedoch eher kleine, vielleicht sogar gewollte Brüche, die eine Spannung erzeugen und zu eigenen Gedanken anregen. Denn, was beim Stöbern, zu dem eine Anthologie gern verleitet, nicht ins Auge fällt: Die Gedichte sind durchaus in eine kalkulierte Reihenfolge gebracht worden.

Die Aufmachung von Fire Pearls ist bestechend stimmig und klar. Jede Seite zeigt drei linksbündig gesetzte Gedichte. Eine gesonderte rechtsbündige Seite stimmt mit Überschrift, einem einfachen Symbol und einem Gedicht auf den jeweiligen Abschnitt ein. Für die fünfte Jahreszeit übernimmt dies auf unnachahmliche Weise Michael McClintocks Kyōka

packing new luggage
for a long cruise at sea
a few things go in
solely for the attention
of unsuitable women

Die aufgenommenen Gedichte legen eine große thematische und stilistische Vielfalt an den Tag. Einfache aber kühn eingesetzte Stilmittel, wohldosierte Anklänge an die klassische Tankadichtung, bildhafte und frische Herangehensweisen überzeugen immer wieder, wenngleich nicht ausnahmslos alle Beiträge dem Anspruch gerecht werden, Meisterwerke zu sein. Das ist aber auch nicht notwendig, denn eine Anthologie, der man mühelos so geglückte Gedichte wie diese entnehmen kann, ist einfach gelungen:

the tilt
of her head to undo
an earring–
fortresses crumble into
winter moonlight

Larry Kimmel

what words would
convince you to stay?
this autumn heart
shedding leaves
like a scarlet maple

Pamela A. Babusci

when Lilith rises
playing her tenor sax
the world goes green
stone statues dance and
butcher-blocks burst into bloom

Denis M. Garrison

Tamura out into the sea
Mishima with a sword
and others I could name with pills–
tonight
I count these ways of dying

Sanford Goldstein

Ein Appendix mit Literaturempfehlungen, einer Liste von Organisationen, Internetseiten und Zeitschriften, Quellenangaben und einer Autorenübersicht lässt keine Wünsche offen. Doch, vielleicht diesen: dass Anthologien zu anderen Themen folgen mögen.

Erstellt am 01.07.2007 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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