Gäbe es keine Kirschblüten...

SASAKI Yukitsuna: Gäbe es keine Kirschblüten... – Tanka aus 1300 Jahren. Ausgewählt von Prof. Yukitsuna Sasaki, übersetzt von Prof. Eduard Klopfenstein, konzipiert und koordiniert von Masami Ono-Feller. Philipp Reclam jun. Verlag, 2009. Gebundene Ausgabe, 254 Seiten – 15,2 x 9,6 cm, Euro 12,00; ISBN: 978-3-15-010698-3.

Das Herz im Frühling

Man stelle sich ein Land vor, in dem die Lyrik nicht im Elfenbeinturm thront, sondern dort wohnt, wo sie hingehört: in den Herzen der Menschen. Ein Land, in dem es keines klingenden Namens bedarf, um mit seinen Gedichten ernstgenommen zu werden. Ein Land, wo herausragende Dichter ganz selbstverständlich jenen auf die Sprünge helfen, die ihnen in ihrer Freizeit nacheifern. Sie wissen, dass jeder den Schlüssel zur Poesie in sich trägt – auch wenn er manchmal hakt.

Die Rede ist von Japan. Und was es bedeutet, wenn die Lyrik wie dort ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft hat, vermittelt die zweisprachige Anthologie Gäbe es keine Kirschblüten... – Tanka aus 1300 Jahren auf anschauliche Weise. Angelegt wurde sie schließlich als Textgrundlage für Professor Sasaki Yukitsunas Vortragsreise durch Deutschland und die Schweiz im Mai / Juni 2009; eine Reise, die Dank des Engagements Masami Ono-Fellers, Mitglied seiner Tanka-Gruppe, zustandekam.

Sasaki Yukitsuna zählt zu den führenden Tanka-Dichtern und -Experten Japans. Der Professor für japanische Literatur an der Waseda-Universität, Tokyo, leitet die von seinem Großvater gegründete Tanka-Dichtergruppe "Kokoro no hana" (Blüten des Herzens) und gibt die Zeitschrift gleichen Namens heraus. Neben 14 Tanka-Bänden sind von seiner Hand mehrere kritische Werke zur Tanka-Literatur erschienen. Sasaki ist u.a. eines von vier Jurymitgliedern der wöchentlichen Tanka-Kolumne der Asahi Shimbun, Vorsitzender der Gesellschaft moderner Tanka-Dichter und Mitglied der Japan Art Academy.

Auf den ersten Seiten eröffnet er dem Leser, wie es zu diesem Band und seiner Vortragsreise kam, und legt den Schwerpunkt seiner Auswahl dar, die 50 klassische und ebenso viele moderne und zeitgenössische Tanka umfasst. Da die Anthologie ganze 1300 Jahre Tanka-Dichtung repräsentiert, bedeutet dies eine klare Gewichtung zugunsten jüngerer Werke, die in deutscher Sprache bislang kaum vorgestellt wurden. Zur Charakterisierung des Tanka zieht Sasaki das Vorwort des Kokinshū heran und schreibt weiter:

In den Worten der Tanka lebt die mysteriöse Kraft, die der Sprache innewohnt. Es ist eine Art Animismus, das heißt, Tanka verkörpern eine Sprache, die eine über die Alltagssprache in eine andere Dimension hinausragende Wirkung und Kraft besitzt.

Eine Kraft, die gleichermaßen aus Tanka der Klassik wie der Gegenwart spricht, seien sie leidenschaftlich, wehmütig, kühn oder leichtfüßig.

Den langen Weg,
den du gehen musst, möchte ich
wie ein Band aufrollen
und ins Feuer werfen –
in ein Himmelsfeuer!

Sano no Otogami no otome

Die Leidenschaft und Wahrhaftigkeit dieses Tanka aus 739, so typisch für die Lyrik des Manyōshū, sprechen uns noch heute direkt an. Über die Jahrhunderte mag das Interesse an Tanka Schwankungen unterlegen gewesen sein – erloschen ist es nie. Sogar in unserer schnelllebigen Zeit ist das japanische Tanka quicklebendig. Unter der Überschrift In Gesellschaft dichten zeichnet Masami Ono-Feller das Bild einer wahrhaft dichtenden Gesellschaft, aus der Tanka-Gruppen, -Foren, -Kolumnen und -Zeitschriften nicht wegzudenken sind. Hunderttausende Japaner reichen Tanka zur Bewertung ein; die kritische Auseinandersetzung mit Gedichten findet nicht nur im Feuilleton statt. Rund 650 Tanka-Gruppen mischen zur Zeit den Literaturbetrieb auf, die "Kokoro no hana" ist deren älteste. Ganz im Sinne ihres Gründers ist sie nach vielen Seiten offen geblieben. Das folgende Tanka schrieb Sasaki Yukitsunas Großvater 1927:

Auf der Berghöhe
steht er seit langer Zeit
fest gegründet – auch ich
fühl mich wesensverwandt
mit diesem einen Baum

Sasaki Nobutsuna

Laut Kommentar ist es inspiriert von der Natur Hokkaidōs; aus heutiger Perspektive wirkt es wie ein Bekenntnis zur tiefverwurzelten Tanka-Lyrik. Als No. 54 der Auswahl gehört dieses Gedicht schon zur Moderne, denn die Tanka der Anthologie werden in chronologischer Reihenfolge jeweils auf einer Doppelseite vorgestellt. Während sie links, der japanischen Leserichtung folgend, in Schriftzeichen erscheinen, sind sie auf der rechten Seite oben zunächst in Übersetzung zu lesen; darunter folgt horizontal ihre Transkription. Sofern den klassischen Gedichten zu ihrer Zeit ein kurzer Einführungstext vorangestellt wurde, ist dieser zum besseren Verständnis beigegeben. Der Züricher Japanologe Prof. Eduard Klopfenstein hat die Tanka zudem mit einem kurzen, informativen Kommentar versehen.

Die Übertragung der Tanka ins Deutsche lag ebenfalls in seiner Hand. In Zur Form und Übersetzung von Tanka geht Klopfenstein auf die Struktur des Tanka ein, und erläutert, dass bei der Übertragung die möglichst sinngemäße und flüssige Wiedergabe im Deutschen im Vordergrund stand. Die Lautstruktur und Prosodie beider Sprachen unterschieden sich zu sehr, um die Tanka-Form eins zu eins ins Deutsche zu übernehmen. Seine Übertragungen wirken durchweg natürlich; ohne zu poetisieren, lassen sie die Poesie der ursprünglichen Texte aufleuchten. Gelegentlich swingen sie geradezu, wie bei diesem zeitgenössischen Gedicht:

Wie wäre es, Du!
Könntest du nicht mal, schwupps
– wie man nach einem
fallenden Blatt hascht –
zupacken und mich entführen?

Kawano Yūko

Tatoeba kimi / gasatto ochiba / sukuu yō ni / watashi o saratte / itte wa kurenu ka

In herausforderndem Ton durchbricht die Autorin gesellschaftliche Konventionen und hält sich, zum Zeichen, dass es ihr ernst ist, auch nicht an die traditionelle Form. Ein gänzlich anders gelagertes Beispiel für gekonnte Übertragung ist dieses Tanka:

Heranreißen
und gleichsam sich anschmiegen
dann zustechen –
ohne den geringsten Laut
zusammenbrechen, daliegen

Miya Shūji

Hikiyosete / yorisou gotoku / sashishikaba / koe mo tatenaku / kuzuorete fusu

Im Kommentar heißt es u.a.:

Das hier übersetzte, oft zitierte Gedicht besteht im Original nur aus verbalen Ausdrücken, ohne Nennung von Subjekt oder Person. Es scheint, dass der Autor nur so den unpersönlichen, unmenschlichen Mechanismus des Tötens im Krieg in kritischem Sinne darstellen wollte.

Nicht nur das ist überzeugend gelungen, auch Anspannung und katzenhafte Bewegung sind in diesen Zeilen auf beklemmende Weise spürbar.

Sasaki Yukitsunas Auswahl berücksichtigt neben Ikonen der Tanka-Lyrik auch weniger häufig zitierte Gedichte. Jedes für sich demonstriert beispielhaft Facetten dieser Dichtkunst, während sich an ihrer Abfolge die Entwicklung des Genres wunderbar nachvollziehen lässt. So erhält man Hinweise zu Intertextualität sowie gesellschaftliche und biografische Hintergründe und erlebt gleichsam den steten Wandel der Ästhetik aufeinanderfolgender Epochen. Mit Einbruch der Moderne schließlich gerät das Tanka in eine Stromschnelle. Entsprechend divers sind Thematik und Stil der ausgewählten Gedichte.

Eine Riesenhand
erschien am helllichten Tag
von oben herab
zupackend
ergriff sie das Ei

Kitahara Hakushū

Sichtbar den Augen
eines Schmetterlings, unsichtbar
meinen Pupillen –
solches gibt es in dieser Welt
der Falter dringt ein ins Dunkel

Tsuiji Masako

»Kalt ist's heute!«
sag ich, und zurück kommt
»Kalt ist's heute!«
... diese Wärme, dass da
einer ist, der Antwort gibt!

Tawara Machi

Parallel zu den Tanka lassen sich die von Masami Ono-Feller zusammengestellten Autorenviten lesen. Im Kapitel Zu den Dichterinnen und Dichtern sind sie in der Reihenfolge ihres Erscheinens aufgeführt. Im darauffolgenden Abschnitt werden für die Tanka-Dichtung wichtige Begriffe ausgiebig erläutert. Wer auf den Geschmack gekommen ist, findet außerdem Hinweise auf Tanka-Literatur in deutscher Sprache. Abgerundet wird der Band durch das sehr lesenswerte Nachwort von Eduard Klopfenstein, in dem dieser auf die wechselvolle Geschichte des Tanka zurückblickt.

"Gäbe es keine Kirschblüten..." heißt es im Titel dieser rundum empfehlenswerten Anthologie. Damit beziehen sich die Herausgeber auf einen unendlich berühmten Seufzer des sagenumwobenen Ariwara no Narihira:

Gäbe es
keine Kirschblüten
in dieser Welt
wie heiter und gelassen
könnte das Herz im Frühling sein

Ariwara no Narihira

Das Herz im Frühling, das angesichts der Blütenpracht jubelt und zugleich von ihrer Vergänglichkeit ergriffen ist, das ist das fühlende Herz der Tanka-Dichtung, das immer wieder zur Feder greift, weil es halt seiner Natur entspricht. Dieses dem deutschen Publikum näherzubringen, ist den Autoren gelungen. Und nicht nur inhaltlich ist der vorliegende Band ein Schmankerl. Gebunden und mit einem schmucken Schutzumschlag versehen, liegt es gut in der Hand und passt sogar in die Handtasche, als Begleiter in einer mitunter allzu prosaischen Welt.

Erstellt am 30.05.2009 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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