The interior of a word

Marianne Kiauta. Het binnenste van een woordThe interior of a word - Notranjost besede. Ursus Scientific Publishers, Postbus 256, 3720 AG Bilthoven, Niederlande. ISBN 961 6319 60 4.

Über verborgene Pfade

Von Marianne Kiauta ist 2003 das dreisprachige Tanka-Bändchen The interior of a word erschienen. David Cobb fertigte die gelungenen englischen Übertragungen der niederländischen Tanka an, während Marija Javoršek und Dušan Voglar die Übersetzung der Tanka ins Slowenische übernahmen. Eine lobenswerte Zusammenarbeit und ein Ansatz, der für Werke in "kleinen" Sprachen besonders wichtig ist: Sie erschließt der internationalen Leserschaft den Beitrag dieser Sprachen zum Tanka und stärkt das muttersprachliche Tankaleben.

Das Bändchen ist als Hardcover mit Schutzumschlag ausgestattet. Einige schöne Zeichnungen von Maria Adriaens greifen auf überraschende Weise die Themen der Gedichte auf. Enthalten sind 36 Tanka; die niederländischen Fassungen stehen stets auf der linken Seite, die Übertragungen rechts.

In seinem ebenfalls in drei Sprachen wiedergegebenen Nachwort erklärt Boris A. Novak, es gäbe im Slowenischen ein Homonym, ein Adjektiv des weiblichen Wortes "tanka", das unter anderem die Bedeutungen "feinfühlig, zart, von verfeinerter Zierlichkeit" trage, und wie sehr dies auf die Lyrik Marianne Kiautas zutreffe. Das gilt ohne Zweifel für Tanka wie dieses, das gleich am Anfang steht und auch die Rückseite des Umschlags ziert:

die blos van onschuld
nu uit het diepe duister
de dag doorbreekt –
betoverend, even maar,
een droom bedekt door wolken

that blush of innocence
as out of the deep darkness
the day breaks through,
enchanting, just for a while,
a dream covered by clouds

Sehr schön, wie in beiden Fassungen die vielen "b" und "d" die träumerische Stimmung unterstreichen. Die Poesie bleibt jedoch nicht auf die Verse an sich begrenzt. Von diesem Gedicht ausgehend, zieht Marianne Kiauta ihre Tanka auf eine unsichtbare Schnur und überlässt es den Lesern, die Art ihrer Verbindungen zu entdecken. In dem, was ich anfänglich als einen locker den Jahreszeiten folgenden, von Schwangerschaft bis zum Tod gespannten Bogen erkannte, taten sich nach wiederholtem Lesen zahlreiche subtilere Zusammenhänge auf. Diese ungeschriebene Poesie aufzuspüren und auszukosten, trägt zum Lesevergnügen bei. Das folgende Tanka, in dem die Konsonanten "s" und "v" und "f" das Feuer lautmalerisch umsetzen, ruft für sich betrachtet schon lebendige Eindrücke und Assoziationen hervor:

zienderogen
verdampt de sneeuw sissend
in het open vuur
ook de stukken berkenhout
verliezen hun eigenste wit

with a definite hiss
the snow evaporates
in the open fire
the logs of birch-wood too
lose their true white skins

Gleichzeitig geht es mit den beiden zarteren Gedichten, die es flankieren, eine Verbindung ein. Sinnebenen werden dadurch hervorgehoben, Stimmungen vertieft.

Auffallend ist das Fragile vieler Tanka, das in diesem Bändchen von einigen Gedichten getragen wird, die einen deutlich kühneren Entwurf zeigen:

die lege ogen
van het masker aan de muur
blijven maar staren
in einderloze verte
tot het zonlicht binnendwaalt

those hollow eyes
of the mask on the wall
staring as ever
beyond all horizons
till the sunlight roams in

Ins Innere eines Wortes, das ist wohin dieses Bändchen den Leser führt, mittels Tanka und den Sprachen, in denen sie erklingen.

Fußnote

Eine frühere Fassung dieser Rezension erschien in niederländischer Sprache als "Langs verborgen paden" in Vuursteen, Frühling 2004.

Erstellt am 03.04.2006 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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