Kaleidoscope

Kozue UZAWA und Amelia Fielden: Kaleidoscope, Selected Tanka of Shuji Terayama. Übertragen von Kozue Uzawa und Amelia Fielden. The Hokuseido Press, Tokyo, 2008. ISBN 978-4-590-01241-4; 144 Seiten, gebunden, US$20 plus Versandkosten. Zu beziehen über Kinokuniya Bookstore, Kozue Uzawa sowie Amelia Fielden.

Terayamas Schatzkästchen

Eine Handvoll Tanka in der Anthologie Ferris Wheel gewährte dem westlichen Publikum 2007 erstmalig Einblick ins lyrische Werk von Terayama Shūji, Dichter, Essayist, Bühnenautor, Regisseur. 2008 nahm das bewährte Übersetzerduo Kozue Uzawa und Amelia Fielden Terayamas 25. Todestag zum Anlass, 201 seiner Tanka als japanisch-englische Sammlung herauszugeben. Kaleidoscope, das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit, ist inhaltlich wie gestalterisch ein faszinierender Band.

Terayama Shūji wurde 1935 in der nordjapanischen Präfektur Aomori geboren. Seinen Vater musste er früh entbehren; er fiel während des Zweiten Weltkriegs in Indonesien.

my dead father
a soldier with big ears –
he must be
listening to
spring's rough waves

Mit seiner Mutter erlebte Terayama die amerikanischen Bombenangriffe auf Aomori. Als zwölf-Jährigen gab sie ihn zu Verwandten, um selber auf einem amerikanischen Militairstützpunkt auf Kyūshū arbeiten zu können. Von da an lebte der Junge bei seinem Onkel, der ein Kino betrieb. Aus dieser Zeit mag seine Begeisterung für Fotografie und Film herrühren, die sein dichterisches Werk beeinflussen und seine spätere Laufbahn bestimmen sollte.

Schon als Schüler schrieb Terayama Gedichte. Mit achtzehn Jahren gewann er den Tanka Kenkyu Preis für Nachwuchsdichter. Bald darauf jedoch musste er, nierenkrank, sein gerade begonnenes Studium an der Waseda Universität abbrechen. Seine Mutter kehrte heim und Terayama schrieb Hörspiele für seinen Lebensunterhalt. Vier Jahre nach dem frühen Debüt wurde seine erste Tanka-Sammlung veröffentlicht. Als wiederum vier Jahre darauf, in 1962, die zweite herauskam, hatte er sich bereits als Dramatiker für Radio, Bühne und Film einen Namen gemacht.

1964 erschien sein dritter und letzter Tanka-Band; fortan war Terayama ganz dem Theater und dem Film verbunden. 1967 gründete er die Theatergruppe Tenjo Sajiki, die mit provokanten Stücken und avantgardistischem Spiel in aller Welt Aufsehen erregte. Seine experimentellen Filme fanden Beachtung in In- und Ausland. Terayama starb 1983, gerade mal 47 Jahre alt, an einer Erkrankung der Leber.

Trotz seiner relativ kurzen Schaffenszeit und seiner späteren Abwendung vom Tanka gehört Terayama laut Uzawa nach wie vor zu den beliebtesten japanischen Tanka-Dichtern. Was macht seine Gedichte so ansprechend? Ich schätze, es ist ihre Frische und Modernität, mal ihre Wucht, mal ihre Zartheit.

inside the orchard
there is tomorrow
I draw it
pressing my chest hard
against the wooden fence

having shot
a winter dove that
might be my god,
I go home
with smoking gun

and the crocus song
you sing –
I'd count it
as one of our new pieces
of furniture

Insbesondere beeindruckt die Bildhaftigkeit der Tanka, verknüpft mit symbolträchtigen Elementen – häufig sind es Vögel –, und das Ineinanderfließen von Innen- und Außenwelt.

I gently comb
the turtledove
with my dead mother's
scarlet comb –
its down keeps falling out

my voice
calling someone
is gentle –
I'm becoming a river
flowing in the blue sky

Viele Tanka Terayamas wirken zudem filmisch, als wären sie szenisch angelegt, und vermitteln etwas von der Magie seines später bevorzugten Mediums.

in the kitchen
I suck the blood
from your finger –
green wheat
running in the wind

Dann wiederum fasziniert die Aufrichtigkeit seiner Tanka, die gelegentlich die Hintertür einer Lüge nimmt. Als Regisseur, und schon früher, durch seine Begeisterung für die Fotografie, war Terayama sich durchaus der Macht der Kamera bewusst, ihrer Fähigkeit die Wahrheit zu zeigen, und vielmehr noch ihrer Fähigkeit zu lügen (1).

while an ant
toiled from the dahlia
to the ash tray
I was forming
a beautiful lie

Dort berühren sich seine Lyrik und seine filmischen Werke abermals: Terayama bringt Fiktion ins Spiel. Mehr als ein Mal lässt er seine Mutter, die ihn in Wirklichkeit überlebte, im Tanka sterben, seinen toten Vater leben. Er erfindet Geschwister, schreibt sogar in der Persona einer Schauspielerin, eines koreanischen Jungen, eines Mischlings oder Kriegsgefangenen. Neu ist das nicht; schon Dichter der Klassik versetzten sich, etwa zu Dichterwettstreiten mit vorgegebenem Thema, in eine fiktive Person. Ein Liebes-Tanka aus der Sicht eines jungen Mädchens, verfasst von einem alten Mann: wunderbar, sofern es authentisch wirkte. Neu sind vielmehr der Bezug zur eigenen Biografie und die Beharrlichkeit mit der Terayama seine Maskerade betreibt.

submerging them
in the water
of a night-dark stream,
I wash my military shoes
from those captive days

Terayama verlässt also das übliche Terrain des real Erlebten, gibt seiner Biografie einen Dreh. Ein Spiel vielleicht, oder innere Notwendigkeit, mit Sicherheit jedoch ein Glücksfall. Denn indem er andere Identitäten annimmt und mit der Wirklichkeit verfährt, wie es ihm gefällt, nimmt er seine Sehnsüchte und Enttäuschungen unter die Lupe, lebt sie aus und verwandelt sie, um eine Lyrik zu erschaffen, die die Facetten seines Selbst schlüssig zusammenfügt. Treffsicher gelingt ihm das wieder und wieder. Was er so in Tanka fasst, ist weniger Fiktion als ein Abbild seiner Innenwelt.

lying down
in the attic,
where angry waves
sound very close,
I make poetry my power

Ein weiterer Aspekt, so Uzawa, ist die Verwendung von Anleihen an Gedichte anderer Autoren, denen er Passagen entnimmt, um sie in eigenen Tanka einzuarbeiten und so eine vielschichtige lyrische Collage zu erhalten. Diese honkadori genannte Technik ist in der japanischen Dichtung weit verbreitet und auch der westlichen Kunst nicht fremd. Als Beispiel führt Uzawa ein Tanka an, das Kakio Tomizawas Haiku

ippon no / macchi o sureba / umi wa kiri

striking a match / I see fog / upon the lake

aufgreift und erweitert zu

macchi suru / tsuka no ma umi ni / kiri fukashi /
mi sutsuru hodo no / sokoku wa ari ya

striking a match / momentarily / I see the foggy ocean – /
is there a motherland / I can dedicate myself to?

Kaleidoscope enthält Tanka aus Sora ni wa Hon (1958: A Book in the Sky), Chi to Mugi (1962: Blood and Wheat) und Den'en ni Shisu (1964: Death in the Countryside). Ebenfalls aufgenommen sind eine Auswahl früher Tanka und, unter der Überschrift Teeburu no ue no Kooya (1962: Wasteland on the Table), Gedichte, die nicht in den ersten beiden Sammlungen enthalten waren. Das Buch ist eine wahre Schatztruhe und Zeugnis Terayamas bewundernswerter Kreativität und Fantasie.

birds banished
from the sky,
time, beasts
all collected here
in my ark-like toybox

Die Gestaltung des Bandes spiegelt den Charakter von Terayamas Tanka wider. Gebunden, mit einem Schutzumschlag versehen, präsentiert Kaleidoscope die Gedichte vor einem Hintergrund aus mitunter skurril anmutenden, in Clip-art Manier montierten Schwarzweißaufnahmen, Zeichnungen und Kaleidoskop-Bildern. Nicht immer erschließt sich mir der Zusammenhang mit den Gedichten. Die wilde Bebilderung erzeugt jedoch einen Sog und macht die Vielschichtigkeit von Terayamas Lyrik visuell erfahrbar. Dieses Verfahren räumt ein für allemal mit der fixen Idee auf, Kurzgedichte bräuchten viel leeres Papier, um zur Geltung zu kommen. Die Tanka erscheinen, pro Seite eins bis drei an der Zahl, mal in schwarzen, mal in weißen Lettern, begleitet von den Originalfassungen in japanischer Schrift und ihren Transkriptionen.

Die ersten Seiten, bis hin zu Uzawas The Life of Shuji Terayama in englischer Sprache, warten mit farbigen Bildern auf, die sich mehrheitlich auf Terayamas Bühnen- und Filmlaufbahn beziehen. Die sich anschließende japanische Fassung seiner Kurzbiografie wird von Schwarzweißbildern aus seiner Jugend begleitet. Kaleidoscope setzt nicht nur gestalterisch neue Maßstäbe; das darin präsentierte Werk dürfte westlichen Tanka-Dichtern reichlich Stoff zum Nachdenken geben. Vielleicht wird daraus sogar ein Umdenken und eine Wende hin zu kühneren Gedichten.

Fußnote

(1) Donald Richie: Through the Terayama looking glass. The Japan Times Online, 7. Januar 2007.

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Erstellt am 09.07.2009 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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