The Tanka Prose Anthology

Jeffrey Woodward: The Tanka Prose Anthology. Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Jeffrey Woodward. Modern English Tanka Press, Baltimore Maryland, 2008. Trade paperback, 176 Seiten, US$ 12.95; ISBN 978-0-9817691-3-4.

Was lange währt...

Endlich ist sie da und – der vor mir liegende Klappentext tut es selbstbewusst kund – sie ist da um zu bleiben: Die Rede ist von der Tankaprosa. Im englischsprachigen Raum wird das Potential des Genres in den letzten Jahren mit viel poetischem Gespür ausgelotet. Die Veröffentlichung von Sanford Goldsteins "Tanka Walk" in 1983 gilt gemeinhin als Initialzündung dieser Strömung. Nun, 25 Jahre später, zeugt der soeben erschienene Band The Tanka Prose Anthology von der ersten Blüte der Tankaprosa in englischer Sprache.

Neunzehn Autoren aus acht Ländern haben Werke zur Sammlung beigetragen. Zusammengestellt und herausgegeben wurde sie von Jeffrey Woodward von Haibun Today, der zudem die überaus informative Einführung verfasste. Geschickt eröffnet er mit einigen Zeilen zu Gary Le Bels "Rereading the Tosa Diary" und versetzt den Leser damit sogleich in die atmosphärisch dichte Welt der japanischen Kunsttagebücher und lyrischen Erzählungen. Von dort schlägt er den Bogen zu deren Weiterentwicklung und Abwandlung zu zeitgenössischer Tankaprosa westlicher Prägung.

Als Tankaprosa bezeichnet Woodward Werke, die Prosa und Tanka enthalten. Inwiefern der Prosateil des Genres denn dem Geist der Tankalyrik entspricht, und was diesen letztendlich ausmacht, bleibt zunächst offen; die Stücke selber geben darüber jedes auf eigene Weise Auskunft. Dafür erfährt man vieles zu Subgenres und Mischformen. Die sprachliche Gestaltung sowie die verschiedenen Möglichkeiten Prosa und Tanka zu kombinieren sind ebenfalls Gegenstand Woodwards anschaulichen Ausführungen.

The Tanka Prose Anthology wartet mit ganzen 75 Beiträgen auf; einige wenige sind Auszüge aus längerer Tankaprosa.

Keineswegs nur aus historischem Gesichtspunkt ist Sanford Goldsteins "Tanka Walk" von Interesse. Die Prosa des Stückes besteht aus zwei Ebenen: Die eine schildert einen Spaziergang, die andere ist eine Verdichtung und Kontemplation der vielen Male, die Goldstein diese Strecke gegangen ist, unterwegs sein tägliches (Tanka-)Training absolvierend. In der mit Betrachtungen, nicht nur zum Tanka, bereicherten Rückschau sind die Gedichte eingebettet.

"Sea-change" ist eines der Werke, die durch ihre Herangehensweise eine Ausnahmestellung einnehmen. Inspiriert von den Ruinen der William Horton Plantage auf Jekyll Island, Georgia, verfasste Gary Le Bel insgesamt neun, von Juli 1740 bis März 1741 datierte Briefe, quasi von der Hand William Hortons, um die Atmosphäre der Insel heraufzubeschwören. Alle bis auf einen sind an dessen imaginierte Ehefrau gerichtet und, wie der Autor im kurzen Vorwort erklärt, weitgehend in der Sprache der damaligen Zeit gehalten. Die langen Zeiträume zwischen den Briefen werden mit jeweils einem Tanka überzeugend überbrückt.

Für "The Poet's Cabin" stellt Marjorie A. Buettner die verlassene Blockhütte des Fotografen und Tankadichters Jun Fujita am Rainy Lake, Minnesota, ins Zentrum ihrer Bespiegelungen. Diesen huldigt sie in einem mit Tanka gespickten Essay, Ausdruck ihrer Verbundenheit mit der Natur und dem einst in ihr aufgehobenen Dichter.

In einem weiteren, sehr kurzen Essay kommentiert Michael Dylan Welch unter der Überschrift "Four Favourite Tanka" zwei Paar Tanka, die als Gedichtaustausch zwischen Anna Holley und Aya Yuhki in deren gemeinsamem Buch White Flowers in the Sky erscheinen. Er fügt kein eigenes Gedicht hinzu und doch ist auch in diesem Fall das Resultat Tankaprosa. Ein ganz anderes Register zieht er indessen mit "Hand in Hand". Beherrscht, aber umso eindringlicher, beschreibt er darin, wie er den 11. September 2001 erlebt hat.

Während Welch diesen einen besonderen Tag herausgreift, steuert Jane Reichhold mit einem Auszug aus Her Alone Tankaprosa in Form eines Tagebuchs bei. Untypisch für ein solches befasst der Text sich nur am Rande mit dem Lebensumfeld der Autorin. Alles dreht sich um die abwesende Tochter, die allein mit Rucksack durch die Sierras zieht. Reichhold ist in Gedanken bei ihr und malt sich unter anderem anhand von Karten, die sie von der geplanten Route hat, aus, was die Tochter gerade sehen und erleben mag.

In "Hospice Haibun" schildert Miriam Sagan dagegen in knappen Sätzen die letzten Tage im Haus ihrer Schwiegermutter bis zu deren Tod. Die prägnante Prosa, bereichert von mehr Haiku als Tanka, rückt dieses Werk in den Bereich des Haibun, das es schon im Titel trägt. Wie einige Stücke anderer Autoren, stellt es eine durchaus geglückte Mischform dar. Die lebhafte Außenwelt, die Sagan dem Warten im Haus entgegensetzt, der Verzicht auf Sentimentalität und ihr Gespür für Details erzeugen Kontraste und Brüche, die dem Stück Tiefe verleihen.

Vier Beiträge bedienen sich der Ekphrase. Sie schildern ein Werk der bildenden Kunst (hier: Gemälde) so anschaulich, dass man gleichsam in dessen Realität hineingezogen wird und sie sinnlich erfährt. Patricia Prime schickt in "La Fenêtre Ouverte (Matisse)" ihrer kurzen Prosa drei Tanka voraus und lädt ein, mit ihr durchs Fenster des Malers in eine lichtdurchflutete Welt einzutauchen. Die Prosa ist eine legere Aufzählung dessen, was den Alltag diesseits und jenseits des Fensters ausmacht. So bringt Prime Raum und Zeit ins Spiel und deutet auf ein ganzes Leben an diesem Ort hin.

In Kontrast zu solchen Werken steht Stanley Pelters modernistische Tankaprosa "the short straw". Eindringlich schildert er den stumpfen Heimalltag einer körperlich und geistig verfallenden Frau, den endlosen Reigen der Pflegekräfte, Erinnerungsfetzen: Ein Einerlei, das durch den gekonnten Einsatz von Wiederholung und Variation die Form einer Litanei, die Intensität einer Beschwörung annimmt.

Damit habe ich noch nichts gesagt über Jeffrey Woodwards "The Late Afternoon of Basil O". Mit seiner sachlichen Schilderung eines Büroraums erzielt der Autor Spannung und einen überraschend poetischen Effekt. Die Art, wie er die Aufmerksamkeit des Lesers mal auf dieses Detail hier, mal auf jenes dort lenkt, vermittelt den Eindruck einer Choreografie, eines melancholischen Tanzes, der die Trostlosigkeit des Raumes greifbar macht.

Unterschlagen will ich auf keinen Fall die Tankaprosa, die wie Bob Luckys augenzwinkerndes "Ignoring Dylan Thomas Sometimes, Sometimes Not" Anspielungen auf Werke der Literatur enthält. Auch jene Stücke, deren Prosa höchst poetisch ist und starke musikalische Qualitäten aufweist, sollen nicht unerwähnt bleiben, ebensowenig die ganz dem Alltag verbundenen Werke, die einen eigenen Reiz haben. Bei der Fülle des Materials kann ich den einzelnen Beiträgen jedoch nicht gerecht werden.

Schon diese kurze Skizzierung weniger Beispiele lässt die stilistische und thematische Vielfalt der Werke erkennen. Aber nicht nur ihre Diversität ist hervorzuheben; auch ihre Qualität ist gut bis sehr gut. Die im Anhang aufgeführten Angaben zu den Autoren, eine Bibliografie sowie ein Quellenverzeichnis tragen noch zu diesem rundum positiven Bild bei.

The Tanka Prose Anthology enthält Beiträge von Hortensia Anderson, Marjorie Buettner, Sanford Goldstein, Larry Kimmel, Gary LeBel, Bob Lucky, Terra Martin, Giselle Maya, Linda Papanicolaou, Stanley Pelter, Patricia Prime, Jane Reichhold, Werner Reichhold, Miriam Sagan, Katherine Samuelowicz, Karma Tenzing Wangchuk, Linda Jeannette Ward, Michael Dylan Welch, Jeffrey Woodward.

Erstellt am 26.10.2008 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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