Trauriges Spielzeug

ISHIKAWA Takuboku: Trauriges Spielzeug. Gedichte und Prosa. Ausgewählt, aus dem Japanischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Schamoni. Herausgegeben 1994 von Irmela Hijiya-Kirschnereit in der Japanischen Bibliothek im Insel Verlag, 180 S., Leinen, Euro 20,99; ISBN 3-458-16604-1.

Vom Recht auf Sehnsucht

Trauriges Spielzeug, so heißt die zweite Tanka-Sammlung, die der japanische Dichter Ishikawa Takuboku (1886-1912) hinterließ. Viel zu jung starb er vor ihrer Veröffentlichung an Tuberkulose. Noch zu seinen Lebzeiten war die Sammlung Eine Handvoll Sand erschienen. Das vorliegende Buch enthält außer Tanka, auf die ich mein Hauptaugenmerk legen werde, auch Shi wie "Die Faust" und den Gedichtzyklus "Nach einer endlosen Diskussion". Aufgenommen sind zudem Tagebuchfragmente und gesellschaftskritische Texte wie "Zusammenhanglos in mir auftauchende Gefühle und Erinnerungen" und die Kurzprosa "Zerstören". Damit gewährt dieser Band auf vielfältige Weise Einblick in Takubokus Leben und Werk.

Die Beiträge sind chronologisch geordnet. Alle 53 Tanka haben eine eigene Seite bekommen. Die deutsche Übersetzung steht oben; unten wird der japanische Text des Tanka in rōmaji aufgeführt. Schrägstriche markieren die Zeileneinteilung im Japanischen. Angefügt sind Angaben zu Veröffentlichungen und kurze Erläuterungen. Die Shi und übrigen Beiträge erscheinen nur auf Deutsch mit dem Datum ihrer Veröffentlichung. Näheres zu den einzelnen Werken und ihrer Übersetzung kann man den Anmerkungen entnehmen. Das ergiebige Nachwort schildert nicht nur Takubokus Werdegang und Poetik, sondern auch die Reformierung der Dichtung im modernen Japan.

Ishikawa Takuboku wurde im Norden Japans als Sohn eines Zen-Priesters geboren. Zugunsten der Liebe und der Literatur vernachlässigte er die Schule, so dass er, als er in Tokio sein Glück als Autor versuchen wollte, ohne Mittelschulabschluss dastand. Das machte sein Vorhaben zu einem ungleich schwierigeren Unterfangen. Mit Elan schloss er sich dem damals populären romantischen Kreis um das Dichterpaar Yosano an, in dessen Stil er Shi und Tanka verfasste. Je mehr er jedoch die Härte des täglichen Lebens zu spüren bekam – Krankheit, die Armut seiner jungen Familie, die zu lindern er sich außerstande sah –, desto mehr wurden ihm entrückte Gedichte zuwider. Geprägt von den bitteren Erfahrungen, die er wieder daheim im Norden machte, zog er ein zweites Mal nach Tokio, um sich dort voller Überzeugung der naturalistischen Prosa zuzuwenden. Erfolg hatte er damit nicht und somit drehte sich die Spirale häuslichen Elends weiter.

In Gedichte zum Essen schrieb Takuboku 1909, Lyrik solle "der genaue Bericht, das aufrichtige Tagebuch des menschlichen Gefühlslebens" sein. Für ebenso wichtig hielt er es, aufzuzeigen, was in der Welt vor sich gehe, Sozialkritik zu üben, um Reformen vorzubereiten. Wie ernst ihm die unverfälschte Aufzeichnung war, erkennt man an dem aufgenommenen Abschnitt seines Rōmaji nikki, dem schonungslosen Tagebuch, das er in lateinischer Schrift führte. Unfähig, erfolgreiche Romane zu verfassen und die Gesellschaft oder auch nur seine eigene Lage zu ändern, nannte er das Tanka sein trauriges Spielzeug. Er war auf dessen katharsische Wirkung und Trost angewiesen, glaubte aber, mit diesem Genre noch weniger eine Änderung herbeiführen zu können.

Inzwischen ist Ishikawa Takuboku der beliebteste Tanka-Dichter Japans. Seine Lyrik und Prosa sind authentisch und viele Leser erkennen sich in dem wieder, was er über die frustrierende, entfremdende Welt des modernen Menschen schrieb. In seiner kurzen Schaffenszeit trug Takuboku maßgeblich zur Erneuerung des Tanka bei. Anders als seine Shi schrieb er es weiterhin in der klassischen Schriftsprache, die er jedoch der Umgangssprache anzupassen verstand. Statt in einer Zeile notierte er seine Tanka in drei Zeilen (jede eine Variation des unterliegenden 5-7 Schemas) mit Einschüben und Interpunktion: Ein Schritt hin zu freien Versen, ohne den Tanka-Rhythmus aufzugeben.

Wolfgang Schamoni räumt seinen Übersetzungen der Tanka mehr als drei Zeilen ein, um, wie es in den Anmerkungen heißt, "ein aufmerksames, nicht zu schnelles Lesen" zu ermöglichen. Auf Zeichensetzung verzichtet er, um dem westlichen Leser zu vermitteln, was Takuboku gerade durch die Verwendung der damals in Japan unüblichen Interpunktion erreichen wollte: Eine nicht von Konventionen bestimmte Lektüre. Die Übersetzungen sind trotz oder dank dieser Maßnahmen – da kann man geteilter Meinung sein – rundum gelungen. So sehr sogar, dass ich das Buch schon fünfmal aus der Bibliothek ausgeliehen und viele Male verlängert habe. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich es endlich kaufen sollte!

Wer sich speziell für Tanka begeistert, wird in der Prosa und den Shi ebenso auf seine Kosten kommen, denn es ist interessant zu sehen, wie Takuboku seine Themen hier wie dort umsetzt, wo die Stärken und Grenzen der Genres liegen und wie sie zusammen ein beeindruckendes Bild zeichnen. In der Summe entsteht das Porträt eines unermüdlich strebenden und scheiternden Menschen, der sich seinen wachen Blick bewahrt und sein Recht auf Sehnsucht bis zuletzt ausschöpft.

Zwei Tanka, die die Bandbreite Takubokus Lyrik andeuten, will ich zum Schluss herausgreifen:

damals
beim Frisör
in der Heimat
der Spiegel zeigte
mein Gesicht
und ein Kornfeld

Kopf mein Kopf
denkst du
auch dieses Jahr
lauter Dinge
undurchführbar
in dieser Gesellschaft

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Erstellt am 26.04.2006 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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