White Letter Poems

SAITO Fumi: White Letter Poems. Übertragen von Hatsue Kawamura und Jane Reichhold. AHA Books, 1998. Vergriffen, aber unter http://www.ahapoetry.com/white letter poems.html zu lesen.

Ein Leben in modernen Versen

Für White Letter Poems haben Hatsue Kawamura und Jane Reichhold, beide bekannte Tanka-Autoren und Herausgeber, hundert Tanka aus Saitō Fumis Werk ausgewählt und übersetzt. Hatsue Kawamuras herausgeberische Tätigkeit für The Tanka Journal, einer japanischen, englischsprachigen Tanka-Zeitschrift mit internationaler Leserschaft, wird im deutschen Sprachraum weniger bekannt sein. Jane Reichhold ist dagegen als treibende Kraft hinter AHAPoetry und Lynx auch hierzulande ein Begriff; sie gab dem amerikanischen Tankaleben entscheidende Impulse. Das Duo brachte also reichlich Erfahrung, dichterisches Können und Feingefühl für die Herkunfts- und Zielsprache der Verse in die Zusammenarbeit mit ein.

Die Tanka in White Letter Poems sind sieben (von insgesamt 11) Sammlungen Saitōs entnommen. Entsprechend ist das Bändchen in sieben Teile gegliedert, welche die Titel der ursprünglichen Sammlungen tragen. Auf jeder Seite steht oben ein Tanka in englischer Übersetzung. Darunter folgt nach innen versetzt das japanische Original in rōmaji, weiter zur Mitte hin begleitet vom Tanka in vertikal angeordneten Kanji. Ein knapper, über dreieinhalb Seiten reichender Überblick über Saitō Fumis Leben und Werdegang schließt sich an.

Der Titel des Bändchens ist dem ersten Tanka entnommen, das gleich klarmacht, weshalb Saitō Fumis erste Sammlung Gyo ka (Fischlieder; 1940) ein durchschlagender Erfolg wurde:

a white letter
arriving tomorrow
spring comes
a thin glass also
waiting to be polished

Wie dieses Gedicht legen viele der folgenden Tanka eine klare, energiegeladene Bildhaftigkeit und äußerst genaue Sprache an den Tag. Saitōs Werk ist lebhaft, aufrichtig, durch und durch modern. Gelegentliche romantische Anwandlungen finden eine zeitgemäße Umsetzung. Die Tanka führen entlang Stationen ihres Lebens, das teils von Krieg, der Evakuierung nach Nagano und der Krankheit und dem Tod ihres Mannes überschattet war. Prägend war ein Aufruhr junger Offiziere am 26. Februar 1936, der sich gegen die Politik der Regierung richtete. Einige wurden exekutiert, Saitōs Vater zu Unrecht der Beteiligung bezichtigt und inhaftiert. Wir lernen Saitō Fumi als eine Frau kennen, die vor den dunklen Seiten des Lebens nicht zurückschreckt und am Wegesrand sammelt, was ihr an Farbe, Glück und Leichtigkeit begegnet:

a bullet was fired
in the center of his forehead
yet his face
still moving as it haunts
this eerie summer!

eating acacia flowers
eating plantain lilies
my stomach
does its business
more brightly

Die Liebe zum Tanka bekam Saitō Fumi von ihrem Vater, einem hohen Offizier, der Tanka und Romane schrieb, bei ihrer Geburt 1909 in die Wiege gelegt. Einen Namen musste sie sich jedoch selber machen. Als 17-Jährige veröffentlichte sie erstmalig Tanka in einer Zeitschrift. Mit ihrer lebhaften Poesie gelang es ihr laut Makoto Ueda, der sich im Vorwort als einen ihrer Bewunderer zu erkennen gibt, Generationen junger Leser zu begeistern. Dass ihr Erfolg andauerte, bezeugen viele Auszeichnungen, darunter der renommierte Shaku Chōkū Preis und die zweifache Einladung zum Utakai Hajime, der traditionellen Tanka Zeremonie zum Neuen Jahr im kaiserlichen Palast, an der sie 1997 in einer besonderen Funktion teilnahm. Dieses war bei der Gelegenheit ihr Tanka:

in the field
with an abundant figure
is one tree
limbs embrace the wind
months and days as well

White Letter Poems erschien 1998. Saitō Fumi starb nur wenige Jahre später, im Frühling 2002, an Brustkrebs.

Erstellt am 09.04.2006 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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