Tanka

Sequenzen

Bewölkte Tage

ins neue Heim
trage ich meine Bücher,
die Kräuter,
und auch diesen Krebs,
der meinen Kopf befällt

unterm
Abdecktuch im OP
ist das Leben
grün und fern, unsagbar
grün, aber trotzdem fern

ein kappa
dessen sara versiegt ist
bin ich das
mit verbeultem Kopf,
so ganz ohne Saft und Kraft?

suchen Sie sich
ein schickes Käppi...

ich höre wohl
diesen Zweifel, dass Schick
und Schutz zusammengehen

als träfe
die ganze Glut
des Sommers
geballt auf meinen Kopf,
so schwanke ich ins Haus

ein Auf und Ab,
aber heut klink ich mich aus,
aus dem Schmerz,
sitze einfach nur da
bis ich nicht mehr schwitze

ein Martinshorn,
dieses Knacken in der Wand
und das Signal
zum Ende der Schicht:
auch so vergeht ein Tag

vom Mädchen
zur Freundin und schließlich
zur Frau
und Mutter; nun mit den
Narben alter Männer

irgendwann bald
der erwartete Anruf
und dann
werden wir ja sehen,
dann werden wir sehen

die Spinnen
in diesem alten Haus,
ich scheuche
sie fort, und mit ihnen
die Gedanken der Nacht

ach so...
höre ich mich sagen
wiederholt
bedauert der Arzt
den zu knappen Schnitt

die Wäsche
soll endlich trocknen,
die Tonne
sich mit Regen füllen;
manchmal ist's schwer mit mir

befragt nach
Arbeit und Hobbys
spreche ich
vom Schreiben, damit er
endlich schneidet, der Arzt

sie kennen keine
kappa und wittern doch Gefahr,
diese Leute,
mit einem Blick auf meine
Wunde weichen sie zurück

beim Lachen
hält man sich besser fest
den Kopf –
das weiß ich ja schon und
lache über jeden Mist

nicht bücken
und nicht in die Sonne –
also geh ich
nicht in die Sonne
und auch nicht gebückt

die ich säte,
die Sommerblumen,
schau ich mir an:
jeden frühen Morgen
und im späten Abendlicht

ah, der Luxus
bewölkter Tage!
mit einem Mal
sind beide Straßenseiten
gleichermaßen begehbar

man möchte ja
nicht gern rasieren

murmelt er
und schaut drein als wolle er
ihn jetzt rasieren, meinen Kopf

Kopf, mein Kopf
welcher Puppenspieler
schnitt dich
mit welcher Schere
so von deinem Faden?

wie gut,
dass du so klein bist,
Mutter,
so musst du nicht sehen
wie mein Kopf zusammenhält

einmal im Monat
nachsehen, ob der Krebs
sich zeigt –
aber ich will nicht, dass er
mich so ansieht, mein Mann

wie wär's denn
mit einer Perücke?

ja, wie wäre das?
ich find in meinem Herzen
ein Cape aus dunkelster Nacht

schlaflos lausche ich
Takubokus Stimme und
die der Ise –
ja doch, ja, bald bekommt
ihr einen Platz im Regal

tief in mir
wächst ein fester Entschluss:
ab jetzt lache ich
alle Leute an, ehe
sie wegsehen können

längst bekannt
als die Frau mit der Mütze,
wähle ich heute
eine weiße mit Krempe
und mache auf Tourist

ob ich ihr
nun mit oder ohne
Narben
lausche, der Amsel,
schätz ich, ist es einerlei

Erstveröffentlichung in
Einunddreißig, Februar 2014

Vorbei

Tag für Tag
fahren die Züge vorbei
werfen Reisende
matt einen flüchtigen Blick
auf was ich liebgewonnen

Tag für Tag
eilen die Züge vorbei;
im Schlaf noch
bin ich denen nah
die unterwegs sind

Tag für Tag
gleiten die Nebel vorbei
und jene
die hierher gebracht
in die Stille einzugehn

Tag für Tag
betören diese Hügel
wo sie damals
denn Arbeit macht frei
leicht fährt man vorbei

Tag für Tag
backe ich das Brot, streue
das Salz

stehn kupfern die Wälder
an den Hängen
ist zu laut ist zu leise
das Gellen der Geleise

Erstveröffentlichung in
Haiku heute, September 2006

Schnee

Ein Grab aushebend
in gefrorener Erde,
um wieviel müder
wirkt der Mann mit der Schippe
da die Maße so klein sind

"Es war ein Mädchen"
ist alles, was man hörte
– Ein Mädchen zu sein
und aus Mutters Schoß sofort
in die Kälte einzugehn

Jenes Land,
in dem ich einst aufblühte
und liebhatte,
birgt jetzt unter Schneeschichten
den Leichnam eines Kindes

Ich seh dich schlafen
in einem kleinen Sarg
um ihn herum
das dunkle Erdreich, den Schnee,
deine Eltern schwarz und blass

Alles zudeckend
fällt unentwegt der Schnee
schweigt die Welt still,
aber kein Leichentuch
ist jemals sanft genug

Das Geräusch des Schnees
dringt nicht an ihre Ohren;
kühl gebettet
hört sie auch im Sommer nicht
die leichten Schritte der Kinder

Daheim die Wiege,
soviel leerer als bislang
als noch ein Spiel schien,
was sich jetzt gewendet hat –
und das Weiß der letzten Milch

Wie lang bleibt der Schmerz
um dieses Kind, das fort ist,
wie lange sein Duft?
Beharrlich folgt mein Blick
einer Flocke im Treiben

              *

Aus dichten Wolken
die Schreie der Kraniche;
in dieser Kälte
weit und breit kein Ort
für ihre nächtliche Rast

Unter ihrer Last
hat sich die junge Birke
langsam gekrümmt;
die Zweige reichen hinab
in den verharschten Schnee

2004

Blicke

Im Vorbeigehen
grüße ich die Freundin
– ihr Make-up
wie wir es trugen
in der Psychiatrie

Jenen Korridor,
dessen Leuchten die Schatten
mal vor, mal hinter
mich warfen: im Geiste
schreit' ich ihn noch einmal ab

Eingetreten
durch die innerste Türe
verlor ich
jeden Begriff für
die genaue Jahreszeit

Das Bett, den Schrank,
die Neue im Zimmer –
eines aber
zeigt man zuletzt: bis wo
man zum Abschied mitgehn darf

Blicke
diskret fahndend nach
Spuren des Wahns
in meinem jungen Gesicht:
Jetzt hielte ich ihnen stand

2004

Erstellt am 21.01.2010 ~ Zuletzt geändert am 15.07.2014

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