Herbst

Am ersten Sommertag laut Kalender brachte mein Töchterchen mir ein sprödes Blatt.

"Und der Sommer?" las ich in ihren Augen.

Der Sommer ist gekommen – sie kann ihr neues Kleidchen tragen –, aber wie sie der bewundernden Blicke sicher durch das hohe Gras läuft, höre ich darin das Rascheln des Herbstes. Die dünnen Zweige der Sauerkirsche sind nun nicht mehr als feine Pinselstriche am Himmel, mit nur hier und dort einem satten dunklen Punkt, wo noch eine Frucht hängen geblieben ist.

Abends, wenn das Licht wie Honig fließt, legt sich eine warme Glut über die letzten Kirschen. Auch der Taubenschwarm, der tief über mich hinweg fliegt – ja, sogar eine einzelne Krähe – trägt im Gefieder etwas vom Glanz der kürzeren Tage.

Jetzt, wo ich endlich
bei mir angekommen bin,
jetzt erst sehe ich:
das Herbstlicht hier ist genau
wie das Licht daheim im Herbst.

Erstveröffentlichung als "Herfst" in
Vuursteen, Sommer 2004.

Strandgut

Es dauert eine Weile, bis ein Weinen mich im Schlaf erreicht. Den Kopf an meine Freizeittasche gelehnt, war ich eingenickt am Strand, vor dem Scheveninger Kurhaus. Um mich herum liegen nun Gummistiefel und nasse Söckchen. Benommen richte ich mich auf.

Entlang der Strandlinie tollt ein schwarzer Hund, beschnuppernd, was das Meer angeschwemmt hat. Und dort, ja, dort sehe ich auch schon meine Kinder; an großen Vaterhänden springen sie in die einrollenden Wellen. Wie blass ihre Waden noch sind.

Neben mir haben sich drei junge Frauen eingefunden. Zwei von ihnen sonnen sich im Liegen, nur eine sitzt, aber etwas abseits und mit dem Rücken zum Meer. Sie hat ein schönes Gesicht. In einem fort nimmt sie etwas Sand auf, sieht zu, wie er glitzernd über ihren Jeans zerstiebt, und lacht dabei. Vorhin meinte ich ein Schluchzen zu hören, aber jetzt begreife ich: es ist etwas an ihrem Lachen ...

Angestrengt beobachte ich meine Kinder. Der Sand muss der jungen Frau bald bis an die Brust reichen. Mit einer schnellen Bewegung ihrer Beine wird sie ihn dann in sich zusammensinken lassen. Drei, vier weitere Hügel mag sie so schon angehäufelt haben – ganz zufrieden in ihrer Welt.

Da räkeln sich die beiden anderen. Beherzt beenden sie das starre Spiel und klopfen der Schönen den Sand aus der Bluse.

"Ob sie wohl Hunger hat?" höre ich.

"Eis", spricht sie tonlos.

Wie scharfe Halme
vom Strandhafer in den Dünen
schmerzt es
daran zu rühren:
das triste Spiel meines Kindes.

Erstveröffentlichung als "Flotsam" in
World Haiku Review - WHCGerman
, 2005

Erstellt am 31.01.2010 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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