Eltern, Kinder...

Pilze gefunden,
sie gleich wieder versteckt
vor den anderen

Das verbotene Schwein,
Mann, konnte das rennen!

Im Graben
vor Schreck das Gesicht
zum Piloten

Versprengt
über fremde Häuser:
Eltern, Kinder...

Irgendwann kam keiner mehr
aus der Gefangenschaft

Da war doch noch
dieser Schulausflug,
die alte Brücke?

Wie weich und weit Mutters Augen wurden, wenn sie beim Mittagbrot erzählte und dabei gar nicht bemerkte, wie wir in der ihr fremden Sprache dazu schwiegen. Ihre Erinnerungen traten ein wie alte Bekannte, setzten sich ohne Umschweife zu uns an den Tisch: Die Verkäuferin mit dem Hitlergruß, der sanfte Lehrer, der ältere Bruder – kaum wiederzuerkennen war er gewesen. Später verschwanden sie dann zwischen den Falten der Vorhänge, von wo sie bis in den Schlaf hinein prüfend auf uns herunterblickten. Der Krieg, das war mal in Deutschland, verstand ich, und gewiss so furchteinflößend wie der zähnefletschende Hund zur Abendstunde.

Vater erzählte nie. Dafür kämmte er uns stumm das Haar: Meiner Schwester das blonde, mir das schwarze. Einmal, zweimal und nachher wieder.

Einmal noch
so berührt zu werden
zu verstehen
was zwischen uns stand
fiele von mir ab

Erstveröffentlichung in
Chrysanthemum Haiku Journal, April 2007

Markt

Solange ich nun beim türkischen Feinkostwagen anstehe, habe ich das Mütterchen gegenüber keine Kunden bedienen sehen. Auf einem Klapptisch hat es ein paar Schalen mit Zwetschgen, Heidelbeeren und hellen Trauben aufgebaut. Zu seiner Linken steht ein Zinkeimer mit Blumen. Cosmea erkenne ich, und ein hübsches Unkraut. Umständlich wiegt die Frau ein ums andere Mal dieselben Birnen ab. Vorhin hat sie zu mir herübergeschaut, ob ich nichts brauche, aber ich habe mit bedauerndem Lächeln verneint.

Auch an den Stand neben ihr tritt niemand heran. Vor einem Lieferwagen stehen dort Pappen und Drahtkörbe voller Eier auf locker über zwei Holzböcke verlegten Brettern. Eine krummgewachsene Alte wuselt geschäftig zwischen Wagen und Auslage umher. Dazu stützt sie sich mit Fäusten auf dem vorderen Brett ab, so dass die Eier leicht wippen, wenn sie sich ein Stück zur Seite schwingt.

Ich nehme mir noch eine Olive. Da schiebt tatsächlich jemand sein Rad an den Obststand heran. Der Kunde kauft Zwetschgen und bekommt als Zugabe vier, fünf handverlesene Trauben mit in die Schale gelegt. – Was für eine Idee! Aber dieses matte Leuchten auf dem samtenen Dunkellila nimmt mich noch mehr für das Mütterchen ein. Sei Shonagons Gewänder kommen mir in den Sinn, und die Schattierungen eines müden Kohlweißlings, über die ich zum Cremeweiß von Grießpudding finde, glasiert mit Kirschen, so dunkel, dass ein Flor über ihnen liegt. Und unweigerlich dann das Haar meiner Tochter, von dem im Sonnenlicht die Funken sprühen.

Still unaware
of losing her brows
my darling girl
skips a rope, kicks a ball,
comes in tired

Erstveröffentlichung als "Market Day" in
Haibun Today, Oktober 2008

Luft

Das wird doch kein Trick sein? Die Wände des stickigen Zimmers, durch das ich mich im Traum schleppe, zerfallen in einen Wirbel kleinster Schnipsel. Von jetzt an träume ich mir einen luftigen Raum, eingefasst nur von wenigen Rollos, die aus dem Nichts herunterbaumeln und für Tür und Fenster stehen. Der Wind weht frei hindurch, läßt ihre Schatten träge tanzen. Immer länger rollen sie sich ab, reicher werden die Muster ihrer Stoffe. Was eben noch Leinen war, wird Damast und Brokat, verwandelt sich in leichte Seide und wallt, als wären es Ärmel chinesischer Prinzessinnen, in fließenden Bahnen herab. Kein Material ist kostbar genug, die frische Luft anzudeuten; ich sauge sie begierig ein, weite mich wie der durchwehte Raum. Erleichtert, höre ich endlich auf zu schwitzen.

Beim Frühstück dann die neuen Hitzerekorde. Und wie immer zwei Stullen, dazu Tee und je zwei, einen und zwei Hübe vom braunen, lilanen und blauen Asthmaspray.

Aus Übersee
ein Päckchen vielleicht
darin ein Fächer:
welche Kühle würde mir
schon beim Öffnen zuteil

Erstveröffentlichung in
Haiku heute, September 2006

Vergissmeinnicht

Ich habe etwas entdeckt, das es mir erleichtert, im samstäglichen Getummel Besorgungen zu machen: In einem tiefen Hauseingang zwischen Ober- und Unterstadt steht neuerdings eine Blumenfrau. Ihre Augen sind wasserfarben. Ihre Haut ist durchscheinend, ihr Haar, ein Bubikopf, nahezu weiß. Einen Stand braucht sie nicht; sie hat ja nur das eine Sträußchen dabei. Kommt man von oben heran, sieht man sie nicht, und auch von unten her kaum – sie steht zu weit in der Türnische drin. Deshalb gehe ich langsam vom Markt her hinauf, bis sie in ihrer scheuen Art doch weiter hervortritt. Still hält sie mir dann ihr Sträußchen entgegen. Aber nur kurz, damit ich's ihr nicht etwa nehme.

Um Vergissmeinnicht
ein Band gewunden, zarter
als ein Flehen –
      die vielen blauen Stunden
      die ohne dich vergehen

Heute ist's also ein seufzendes Sträußchen. Das vorige, mit den Waldanemonen, hat geträumt. Ein andermal waren kräftigere Blumen mit hineingewirkt; die Gebinde erinnern trotzdem immer an blaue Flecken. Die Frau spricht niemanden an. Und ich nehme ihr nicht ab, dass sie dort stundenlang ausharrt, um einen so kleinen Handel zu treiben. Nein, sie will ihre Blumen nur zeigen, und mir genügt ein kurzer Blick. Jetzt bin ich gerüstet für meinen Gang durch die rastlos summende Stadt.

Erstveröffentlichung in
Haiku heute, September 2006

Ein Schritt zur Seite

Das graue Bündel, gegen das gedrängt zu werden ich mich wehre, bewegt sich beharrlich vor mir die Einkaufsstraße hoch. Gerade noch gelingt mir ein Schritt zur Seite, dann kann ich, von wieder anderen Leuten geschoben, aber jetzt ruhiger, meinen Blick frei schweifen lassen.

"Weltmeister" steht auf dem Bündel, in Lettern wie man sie auf Teekisten erwartet. Seitlich darunter klemmt eine abgenutzte Reisetasche. Kurz gehe ich gleichauf mit dem Mann, der daran schleppt, und sehe um seine Stirn das gelbe Band mit den drei schwarzen Punkten. Den Stock führt er nicht vor sich her; er stößt ihn mit Wucht seitlich aufs Pflaster. Ein Klacken wie Peitschenhiebe. Und weiter geht es mit dem Strom, vorbei an Ramsch und Sonnenbrillen, die ich gar nicht will, nie gewollt habe, stehenbleiben will ich, dem Kind zuschauen, das da gerade drei Schritte fast getänzelt ist: ein kleiner türkischer Junge.

Schon bin ich vor dem Blinden. "Entweder!" entfährt es ihm. Mehr kommt aber nicht, und auch das Klacken geht unter im Trubel vor einem neuen Geschäft.

Erst in der Nacht
atmen die Straßen aus:
ein Schlurfen, Quietschen, Poltern
und Trippeln
kleiner Räder
müder Füße
zarter Kinder
dumpfer Stiefel
aber wer
hält sein Ohr daran
hält seine Hand darüber

Erstveröffentlichung als "One Step Aside" in
Haibun Today, Oktober 2008

Erstellt am 31.01.2010 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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