Unter den Wellen

so bleib noch,
bleib, scheint er zu sagen,
dieser Wald
aus wirrem Seetang
wogend in der Brandung

versteckt
vor der Küste,
durchflutet
von grünlichem Licht:
ein Ort der Zuflucht

in Schwärmen
ziehen sie vorbei,
Quallen,
ihre gläserne Grazie
unübertroffen

weshalb
unweigerlich
vergeht es
noch vor dem Morgengrauen,
dieses Gefühl zu treiben?

Unwillig steigt sie empor nach ihrem erquickenden Tauchgang, die Meerjungfrau, öffnet nur langsam ihre Augen. Träume wie dieser bedrängen sie stärker in letzter Zeit, und sie wird sich ihnen nicht widersetzen. Mag es ihr Schicksal sein, für immer auf diesem Felsblock zu sitzen: Sie ist ein Kind des Meeres und sehnt sich danach, den Gezeiten nachzugeben.

die Last
des Lebens zu Lande,
sein Mangel
an Auftrieb,
läßt sich nicht lindern

Und so sitzt sie denn bei Tagesanbruch den Hafen überblickend, während die ersten Sonnenstrahlen ihre Locken liebkosen, und so sitzt sie dort noch in der Dämmerung, wenn die Abendröte ihr die nackte Brust, das mädchenhafte Antlitz tönt. Sie sitzt in der sengenden Hitze, träumend von der Gischt, die ihren Fischschwanz benetzte. Und sie sitzt in der Kälte, wenn sich Schnee auf ihr wallendes Haar, ihre erstarrenden Glieder legt.

Menschen kommen, Menschen gehen. Sie blitzen ihr blendende Lichter ins Gesicht. Sie hört, wie sie Sprachen sprechen, die sie sich von fernen Küsten vage erinnert. Manche klingen wie Wellen, die an einem Kai schlecken; andere ahmen das Gemurmel eines Flüsschens nach. Weshalb sehen sie denn nicht, dass sie dem Meer gehört?

fährt man drüber,
sprüht es Funken,
ihr Haar
mit seinem grünen Ton
ist wahrlich das einer Nixe

Sie ist es leid, angestarrt zu werden, wendet sich ab, wendet sich trostsuchend dem Wasser zu, findet nur Bedauern. So gibt sie denn vor, die Wellen zu betrachten, bis es dunkel wird und nur noch wenige vorbeischlendern: Pärchen, die nur Augen haben füreinander. Dann tritt sie ein ins Reich der Träume.

der Widerschein
schillernder Stadtlichter –
kein Vergleich
zu den Schätzen, verborgen
unter diesem bunten Spiegel

da scheint es auf
unter den Wellen
ein Gesicht
jung und voller Sehnsucht
nach jener anderen Welt

Erstveröffentlichung als "Beneath the Waves" in
Modern English Tanka, Winter 2008
Aus dem Englischen von Ingrid Kunschke

Verlierst du mich, bist du verloren

Es war einmal – Wann war es? Ach, wann war es nicht! – ein junger Mann, der durch die Welt zog und mit Geschichten und Liedern sein Brot verdiente. Eines Tages, es wird um den achten Mond gewesen sein, kam er an einen seltsamen Ort. Er hatte an einem kleinen von Birken und Kiefern umsäumten Haus um eine Bleibe für die Nacht gebeten. Es war das Haus eines müden alten Mannes. Ab und an schaute wohl jemand nach ihm, denn im Durcheinander war noch überall die Hand einer Frau zu erkennen. Aber der Alte lebte dort ganz allein und verbrachte seine Tage auf einer Bank unter einer Birke. Er mochte keine Geschichten hören, sagte die Nacht sei ohnehin kurz und es sei besser, sie legten sich schlafen bevor der Mond sie wach hielte.

In jener Nacht träumte der Jüngling von einem Pfad im nahen Wald, dem er eine Weile folgte, mal über eine Pfütze springend, mal sich duckend um den unteren Ästen auszuweichen.

Der Alte aber hatte sich mitten in der Nacht hinausgeschlichen. Mit schwerem Herzen saß er auf seiner Bank und spielte auf einer Flöte. Und im hellen Mondenschein stand hinter ihm eine Nymphe mit goldenem Haar, ihre schlanken Arme zärtlich um seine Schultern geschlungen. Mit betörender Stimme sang sie

Wann, o wann
wurdest du alt?
was nützt
meine Jugend,
mein Haar aus Gold?

Wie er dies hörte, fuhr der junge Mann aus dem Schlaf, sprang zum Fenster und sah ihn auf seiner Bank sitzen, den Alten. Aber sonst konnte er nichts erkennen – außer einer Birke –, denn eine Wolke hatte den Mond verschleiert und so die Nymphe in ihre Baumgestalt gezwungen. Verwundert legte er sich wieder schlafen.

Sobald es hell wurde, stand der junge Mann auf und fand etwas Brot und Käse auf dem Tisch. Das kleine Haus wirkte sauber und aufgeräumt und in einer Vase verströmten frische Blumen ihren Duft. Da war sie wieder, die Hand einer Frau... Und als er seinen Rucksack schnürte, bemerkte er, dass eine handgeschnitzte Flöte zwischen seine Sachen gesteckt worden war. Sie trug eine Inschrift, die lautete

Verlierst du mich, so bist du verloren,
findest du mich, so bist du frei.

Nun, ich bin immer frei gewesen, sagte der Übermütige zur Flöte, aber trotzdem vielen Dank. Als er aufbrach, winkte er dem Alten auf der Bank mit seinem Hut, aber der nickte zum Abschied kaum einen vagen Gruß. Der arme Kerl, dachte der Bursche bei sich. Aber was konnte er schon ausrichten?

Denn die Welt
will gesungen werden
wieder und wieder
in Liedern voller Sehnsucht
und freudigem Gedenken

In Sichtweite des Hauses war ein Wald, wohin er, sich den Traum der letzten Nacht erinnernd, seine Schritte lenkte. Tatsächlich fand er einen Pfad, dem er eine Weile folgte, mal über eine Pfütze springend, mal sich duckend um den unteren Ästen auszuweichen. Der Jüngling war wohl einige Meilen gegangen, und hatte unterwegs auf seiner neuen Flöte gespielt, als er eine Änderung verspürte. Zuerst dachte er, es sei der Wind. Als er losgezogen war, hatte sich der Wind in seinem Hut gefangen, jetzt hingegen ging nicht das laueste Lüftchen, nicht einmal in den Baumwipfeln. Vögel hörte er auch nicht mehr. Aber es war nicht nur das: Das Licht hatte sich gewandelt. Langsam war es silbern geworden, ganz als schiene der Mond. Wie außergewöhnlich, dachte er, und als er weiter vorn

frrrlt
frrrrlt-t-t
frrrt–
frrrrlt-t-t
frrrrlt-t-t

hörte, wunderte er sich umso mehr. Es war ein Lied, keine Frage, gesungen zu einer tieftraurigen Melodie – nur einen Sinn erkannte er darin nicht. Zwei, drei Mal ertönte es, bevor er die Sängerin ausfindig machte: eine schlanke junge Fichte am Rande einer Lichtung. Ja, gibt es so etwas, dachte er, und erpicht der Sache auf den Grund zu gehen, stellte er sich auf die seltsame Tonlage ein. Und dies ist, was er nach einer Weile verstand:

Wie traurig
ist es, auszuharren
in frrt–
ach, käme er doch nur
mich rlt-t zu holen

Ich träume wohl, sagte sich der junge Mann, denn obwohl er mühelos Geschichten erfand, wenn es galt, sich eine Mahlzeit zu verdienen, glaubte er doch nicht an Wunder. Ob seine Fantasie ihm einen Streich spielte? Aber er war so verzaubert von der schlichten Melodie, dass er einfach die Flöte an seine Lippen setzen und sie nachspielen musste. Zu seinem Erstaunen brachte sie zum Lied Worte hervor:

Wie traurig
dass du ausgeharrt
in Wäldern–
ach, kämst du doch nur
und folgtest mir heim

Und vor seinen Augen verwandelte sich die kleine Fichte nun in eine junge Nymphe. Voller Ehrfurcht ließ der Jüngling seine Flöte fallen, stand da und starrte sie nur groß an. Wie unbeschreiblich schön sie war! Gekleidet in dunkelstem Grün, und mit Tau, der noch nach Nadeln duftete, in ihrem tiefbraunen Haar, sah sie verschämt zu Boden und stürzte dann los, sich im Dickicht zu verstecken. Aber der junge Mann hatte einen Blick auf ihre bernsteinfarbenen Augen erhascht und stand schon unter ihrem Zauber. Verzweifelt, seine Nymphe zu bekommen, verfolgte er sie, in jede Pfütze tapernd, zerkratzt von zahllosen Ästen.

Oh, diese Augen
scheu wie ein Reh
immer tiefer
locken sie einen
hinein in die Wälder

Denn das ist die Art der Nymphen. Wäre er kein Vagabund gewesen, gewohnt frei querfeldein zu gehen, niemals hätte er sie entdeckt. Und hätte er die Flöte nicht verloren, sein Schicksal dürfte sich noch zum Guten gewandt haben. Seine Kleider hingen in Fetzen, Rinde wuchs über Muskeln, die ihm soeben noch gehorcht hatten und der arme Kerl spürte, wie ihm Wurzeln aus den Fußsohlen schossen, kaum dass er seine Nymphe berührte. In einer letzten Anstrengung seine Liebe herauszuschreien, riss er den Mund auf – eine Höhle, längst bewohnt von einer Meisenfamilie.

Die Nymphe jedoch ging um die mächtige Eiche herum, in die sich der junge Mann verwandelt hatte, liebkoste ihre Rinde und küsste sie auf Wiedersehen. Dann pflückte sie als Andenken eine einzige Eichel. Nur wenig später fand sie auf der Lichtung die Flöte. Was für ein herrlicher Tag! Sie hörte die Vögel zwitschern und war entzückt, ein laues Lüftchen durch ihr Haar streichen zu fühlen als sie dem Pfad aus dem Wald folgte, mal über eine Pfütze springend, mal sich duckend um den unteren Ästen auszuweichen.

Oh, diese Füße
flink wie ein Reh
so begierig
zu streifen durch
unerforschte Welten

In Sichtweite des Waldes war ein kleines von Birken und Kiefern umsäumtes Haus, zu dem sie ihre Schritte lenkte. Es war verlassen. Sicherlich gäbe es eine feine Bleibe ab für die Nacht, sowie sie nur die Zimmer lüftete. Aber in ihrem Eifer anzufangen, fiel ihr die Eichel herunter, und wo sie auf den Boden traf, schoss eine mächtige Eiche empor. Und dann, wie gerufen, war da diese alte Bank, die sie zu ihrem Baum stellen konnte. Den ganzen Tag saß die Nymphe dort und malte sich aus, was sie anfangen wollte mit ihrer neuen Freiheit.

Denn das Leben
ist vergänglich,
ein Traum
den es zu leben gilt
bis zur Neige

In jener Nacht linste der Mond durch die Wolken und sah sie auf der Bank unter ihrer Eiche. Sie hatte die Flöte an ihre Lippen gesetzt und wollte gerade ein Lied anstimmen.

Erstveröffentlichung als "Lose Me and You're Lost" in
Haibun Today, Dezember 2008
Aus dem Englischen von Ingrid Kunschke

Rauschen

An ihr Gesicht oder ihren Aufzug erinnere ich mich nicht, ich weiß es aber doch ganz genau: Ich sah eine Stadtstreicherin ihren Einkaufswagen diese Straße entlang schieben. Die Sache ist die, sie löste sich vor meinen Augen auf.

In einem Baum hier ist ein verlassenes Nest. Verhedderte Tonbänder sind darin verwoben und stumpfe Plastikfetzen. Ich kann hingehen und mich davon überzeugen. Hin und wieder mache ich das sogar. Und die Bänder, spulte ich sie ab, dürften noch irgendein Rauschen von sich geben. Das zumindest bilde ich mir gern ein. Schön wäre, der Wind spielte das Seine darüber: Murmelklicken, eine schlagende Amsel.

Die Frau wird tatsächlich da gewesen sein, wenn auch nichts darauf hindeutet. Ob sie die Straße denn gar nicht richtig berührt hat? Vielleicht ist sie ja schlicht durch ihre Welt gegangen, wirklich sichtbar nur für die, die ebenfalls verloren sind.

Zeigt mir
den Stinkefinger,
so'n Typ
den's ja nur gibt
in einem Graffiti

Hingeweht
zum Buswartehäuschen:
mehr Blätter
und die verblassenden
Schlagzeilen von gestern

Herbstfäden
kleben mir im Gesicht –
müde
gebe ich mich
einem Ohrwurm hin

Erstveröffentlichung als "Random Noise" in
Haibun TodaySeptember 2009
Aus dem Englischen von Ingrid Kunschke

Erstellt am 31.01.2001 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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