Distelwolle

In jener Nacht legte sich der Wind.

Ich habe genug, sagte er bei sich. Wen schert es schon? Niemanden. Um mich zumindest schert sich niemand. Und er legte sich schlafen, zwischen den Disteln am hinteren Ende der Wiese. Nur seine Träume sah man noch ein Weilchen umherschwirren. Düstere Träume vom Heulen, wenn's keiner hört, und dem Drang, sich in einem Eimer zu verstecken.

Die Bäume verstummten. Alle Geschöpfe der Nacht hielten den Atem an; sogar der alte Schuppen hörte auf zu ächzen.

Schlafen. Lasst ihn schlafen, dachten sie. Er ist zu weit umhergestreift, hat zuviel gesehen.

Während sie über den Schlaf des Windes wachten, legten sie in Gedanken eine Liste an. Windumtost, stand darauf, ein beißender Wind, ein günstiger Wind, ein Lufthauch und Windpark – das war etwas, das ein Zugvogel vorgeschlagen hatte –, und vieles mehr. Nicht zu vergessen wiederauflebender Wind, dachten die Disteln bei sich.

In seinem Schlaf nickte der Wind unmerklich. Er hing jetzt tröstlichen Träumen nach, von wogenden Gräsern, Gischt und dem weichsten Flaum der Schnee-Eule. Zum ersten Mal in seinem unsteten Leben fühlte er sich zugehörig. Wo auf seinen Reisen hatte er Ähnliches gesehen? Ah, ja...

im tiefen Schlaf
der mongolischen Steppe:
Nomaden
träumend von der Herde
und Pferden, Pferden

Niemand rührte sich in jener Nacht. Aber die Disteln setzten wollige Samen frei und versuchten ihre Stacheln einzuhalten, nur dies eine Mal.

Erstveröffentlichung als "Thistledown" in
Modern Haibun & Tanka Prose, Sommer 2009
Aus dem Englischen von Ingrid Kunschke

Für eine Lerche – zum Spaß

Weshalb nur verneigen wir uns, verneigen wir uns? flüsterten die Gräser. Und vor wem, vor wem, vor wem?

So fragten sie untereinander – nicht sosehr um einer Antwort willen, als aus Freude am Klang der Worte. Aus einer Laune heraus beugten sie sich sogar noch tiefer vor und flüsterten sich gegenseitig leise ins Ohr, wohl wissend, dass sich ihr Getuschel ohnehin verbreiten würde.

Die Grillen waren die ersten, die es hörten, und bald sang und summte die ganze Ebene ein Lied von den drolligen Gräsern und ihrem geheimnisvollen Herrn und Gebieter. Insekten wie Vögel machten sich über sie lustig, dankbar für etwas Ablenkung am Ende eines weiteren langen Sommertages.

Manche ereiferten sich geradezu.

Wer immer es ist, er muss wahrlich verehrungswürdig sein, sprach der Fasan mit eitlem Gebaren. Ich würde sagen, sie verneigen sich mir zu Ehren.

Schleppe ich
meinen prächtigen Schwanz,
blinzelt sogar
die Sonne, geblendet
vom Glanz meines Federkleids.

Lieber Himmel! Einen hellen Verstand lässt dafür weder deine Rede, noch dein Gedicht erkennen, bemerkte die Gottesanbeterin. Beachte meine Worte: Der Ruhm des Verehrten ist von ganz anderer Art.

Seid fromm
wie die kleinen Lämmer
reinen Herzens
und jederzeit bereit
für den Sensenmann.

Und sie wiegte sich von einer Seite zur anderen, wobei sie einen kleinen Käfer im Auge behielt, der ihren Ratschlägen aufmerksam gelauscht hatte.

Du bist mir ein schöner Weissager! spottete die Lerche. So sicher wie Eier Eier sind: Diese lauteren Gräser wissen nichts vom Tod. Sie setzen auf eine viel stärkere Macht.

Sich geradewegs hochschraubend, und im Schwebflug, trällerte die Lerche ein ums andere Mal:

Was zu denken
von heimlicher Liebe?
Versteckt
im hohen Gras
offenbart sie sich nicht.

Alle schwiegen und staunten über dieses wunderbare Lied mit seinen Untertönen.

Die Gräser jedoch hatten ihre scherzhafte Frage längst vergessen und sich um Gerüchte nicht geschert. Sanft vom Wind gestreichelt, verneigten sie sich im Spiel und flüsterten zärtliche Worte, bis es dunkel, bis es hell wurde.

Erstveröffentlichung als "For A Lark" in
Modern Haibun & Tanka Prose, Sommer 2009
Aus dem Englischen von Ingrid Kunschke

Flügel

Flügel? Ihr?

Aber ja.

Seid ihr ganz sicher?

Den ganzen Morgen hatte die Gischt sich das großspurige Geschwätz der Entenmuscheln angehört. Vom umwogten Riff hängend, hatten sie bei kleinen Schlückchen Seewassers dahergeredet. Nun, da die Gischt nachhakte, gaben sie sich erstaunlich verschlossen.

So sind sie halt, sagte der Seetang. Fall bloß nicht drauf rein.

Aber die Gischt war angetan vom Gerede der Entenmuscheln über eine Welt jenseits der Klippe. Eine Welt, wo ihresgleichen als Vögel lebten – wenn sie ihnen denn Glauben schenken sollte. Ah, emporzusteigen und zu schweben...

Nichts als Schaum,
ständig getrieben von
den Gezeiten,
werde ich angeschwemmt
nur um zu vergehen

sinnierte die Gischt. Und in einem weiteren Versuch sich zu befreien, bespritzte sie die schroffen Felsen.

Das können wir aber besser! rief der Wind. Er war den ganzen Weg über den Ozean gekommen und hatte seine Kraft noch nicht ganz eingebüßt. Die Wellen peitschend wühlte er das Meer auf.

Die Gezeitentümpel überfluteten. Seesterne, Krebse, Muscheln: wer nicht vorbereitet gewesen war, wurde umhergeschleudert, zertrümmert oder von rauhen Wogen davongetragen. Die Brandung rollte höher und höher heran, um sich schließlich an der steilen Klippe zu brechen. Die Luft war salzig und dunstverhangen.

Was für ein Anblick! rief die Gischt, als sie über die Steilküste spähte.

Was für eine Wohltat! seufzte der Wind, erfrischt nach seiner beschwerlichen Reise.

Und als er seinen Weg über Land fortsetzte und durch graue Städte streifte, sann er nach über Freudentaumel und Lebenshunger.

Was für eine Wohltat! seufzte er mehrmals, in Gedanken noch bei der Gischt. Wo immer er hinkam, hinterließ der Wind einen Hauch von Seeluft und etwas hellere Gesichter.

Erstveröffentlichung als "Wings" in
Modern Haibun & Tanka Prose, Sommer 2009
Aus dem Englischen von Ingrid Kunschke

Dünn gesät

Auf ihrem Erdhügel in der schneebedeckten Tundra hockte die Schnee-Eule und blickte aufmerksam um sich.

Nichts zu sehen, bemerkte sie. Das heißt, sofern denn ich nicht zu sehen bin.

Sie betrachtete eingehend ihre befiederten Füße, erst den einen, dann den anderen. Sie spreizte ihre weißen Flügel und fand darauf kein Fleckchen, auch nicht im dichten Federkleid, das ihre Knochen wärmte. Sie kniff ihre gelben Augen zu. Soweit sie beurteilen konnte, war sie nun unsichtbar.

Erstaunlich! dachte sie. Ich muss den Wind einladen, damit er sich das ansieht. Und auf ihrem nächsten Flug schrieb sie einen Brief in die Lüfte.

Lieber Wind,

Schnee fällt
und niemand macht sich auf
an diesen Ort,
dem sogar Mäuse entfliehen,
ohne eine Spur zu hinterlassen.

Schau doch vorbei –
wenn du kannst.

Die Schnee-Eule

Dann saß sie und wartete, dass der Wind vorbeikäme und sich Beute zeigte, denn sie war ständig in Sorge zu verhungern.

Mäuse waren tatsächlich rar, wie jede andere Beute. Sogar Aas war kaum aufzutreiben. Als der Wind über die Tundra gefegt kam, war die Eule entkräftet und musste ihre Augen vor der beißenden Kälte abschirmen. Der Wind wiederum, war geblendet von der Helligkeit der weißen Weite.

Eule! rief er, oh liebe Eule,

Dein Federkleid
verliert sich im Schnee –
ach, hörte ich
doch deinen Ruf
und wüsste, du bist da!

Aber da er selber zu laut war, konnte er nicht hören, wie die Eule mit ihrem Schnabel klapperte. Überzeugt, sie sei verhungert, heulte er:

Weißer Schnee
fällt und deckt jenen Hügel
immer tiefer ein –
wenn nicht gar die Gebeine
der Freundin, die dort lebte.

Zu spät! Ich bin zu spät gekommen, schluchzte der Wind, und nach Tagen der erfolglosen Suche wandte er sich trauernd ab, um schließlich weiter südlich Ruhe zu finden.

Ach Herrje! rief die Eule aus: Was habe ich getan. Und ach! was soll ich tun? Von Reue übermächtigt, riss sie sich ihre weißesten Federn aus, bis ihr die Kälte ins Mark drang. Erst da kam sie wieder zu Besinnung.

Dies führt zu nichts, dachte sie. Und nichts heißt: ohne mich, die Eule. Ich muss aufbrechen ehe es zu spät ist.

Mit letzter Kraft zog sie in den Süden, wo der Wind war, wo die Mäuse waren, wo mildere Luft sie umfing. Sie ließ ihren Ruf am weiten, blauen Himmel ertönen, wo ihr Freund sie ganz sicher entdecken und sie sehen würde, wie sie wirklich war: ein erschöpfter, erbärmlicher alter Vogel.

Der Wind wollte gerade aufkommen, als er sah, wie etwas Weißes auf einen nahen Felsen heruntersegelte.

Nichts in der Welt ist so weiß, rief er aus, nichts außer dem Flaum der Freundin, die fort ist! In meiner Trauer sehe ich sie überall...

Weißer Schnee fällt,
deckt alles gleichmäßig zu –
wie sonst
könnten sogar Felsen
die weichsten Federn tragen?

Wie sie den Wind so sprechen hörte, stürzte die Schnee-Eule herab, umkreiste ihren Freund und liebkoste ihn mit den Federn, die ihr noch geblieben waren.

Den ganzen Tag, und an vielen weiteren Tagen, sah man sie zusammen, wie sie lachten, weinten, fangen spielten in der Luft. Und während die Eule erstarkte und sich satt aß, erzählte der Wind ihr alles, was er wusste, oder zu wissen meinte, über andere Meister der Tarnung, wie das Wandelnde Blatt, die Veränderliche Krabbenspinne und das Chamäleon.

Farbenfroh? fragte die Eule. Wie das? Aber sie liebte es, dem Wind zu lauschen und äußerte nie Zweifel an seinen Geschichten.

Erstveröffentlichung als "Few and Far Between" in
Modern Haibun & Tanka Prose, Sommer 2009
Aus dem Englischen von Ingrid Kunschke

Erstellt am 10.01.2001 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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