Berichtigung

dies enthüllt
und jenes verschwiegen
von des Lebens
Erinnerungen; welches
Los werde ich wohl wählen?

Die Wahrheit ist, sie hat nie über ihre Reise nach Sarashina geschrieben. Nein, sie ist nie aufgebrochen nach Sarashina in Shinano, außer, vielleicht, in ihren Träumen. Oder sollte ich sagen: in meinen? Shinano, die Provinz, in die ihr verstorbener Gatte zuletzt abgeordnet war – ach, sie wird sich über seine Bestimmung doch Gedanken gemacht haben. Aber falls ihre Träume sie dorthin führten, wollte sie nicht von ihnen berichten, wie sie ja so vieles ausließ. Ihr, die sie darauf erpicht war die Welt der Erdichtung zu bereisen und sie mit ihrem eigenen Geschick zu verbinden, ihr stand der Sinn nicht danach, in ihren Memoiren über seinen Verbleib zu brüten, war doch der Plot so schön darauf angelegt, in ihrem Leben Bedeutung zu finden.

Stattdessen: Geschichten und Gebete, Träume und Täuschung. Und immer der Mond. Der Mond ihrer Kindheit auf dem Strand von Kuroto, der Mond von Ryōsenji an jenem Abend im Herbst, der blasse Morgenmond des Winters, wie er auf ihren Ärmeln glänzte, der Mond der Erinnerung als sie im Palast weilte, der Mond nächtens im Frühling nur vage zu sehen, der helle Mond von Ishiyama, der Mond an jenem Morgen als sie im Freien geschlafen hatte, der Mond gen Westen, ihr Bote, als sie aus einem Traum erwachte, jener letzte Mond, der in ihrem Herzen schien. Der Mond, ihr Begleiter im Leben wie in der Lyrik. Nicht ein Gedicht für den Vater ihrer Kinder – oder sollte ich sagen: nicht eines vermerkt?

Aber dann lenkt sie unseren Blick nach Sarashina und lässt uns dorthin gehen, wohin sie nie ging, lässt uns verweilen, wo es nichts mehr gibt, bei dem sie noch verweilen könnte, außer, vielleicht, seinem Andenken. Auf jenem Berg in Shinano, dunkel und verlassen, sollen wir sie finden, im enthüllenden Licht einer mondlosen Nacht.

Erstveröffentlichung als "Rectifacation" in
Haibun Today,
März 2014
Aus dem Englischen von Ingrid Kunschke

Erstellt am 01.06.2014

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