Tanka zum Mitschreiben

Folge 1: Der Tanka-Baukasten

Als Einsteiger in Sachen Tanka möchtest du bestimmt bald Erfolg haben. Ein Tanka-Baukasten wäre genau das richtige für dich, oder? Suchst du im Internet, findest du sogar welche. Ich zeig dir mal einen, er enthält

Einmal nachrechnen: Ja, das reicht genau für die auf der Verpackung versprochenen fünf Zeilen mit einer Länge von 5-7-5-7-7 Silben. Auch der Bauplan dazu liest sich recht einfach:

  1. Verbinde eine kurze, eine lange und eine kurze Zeile zu einem Haiku.
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  2. Fertige zwei lange Zeilen voller Gedanken oder Gefühle an.
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  3. Hänge sie an das Haiku.
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  4. Herzlichen Glückwunsch zum ersten Tanka!

Diesen Plan packen wir ganz schnell wieder weg. Er funktioniert schon, aber hat seine Tücken. Und es kommt immer nur eine Art Tanka dabei heraus. Gerade zu Anfang wirst du mehr lernen, wenn du nach allen Seiten offen bleibst. Gehst du von einem Haiku aus, das ein völlig anderes Gedicht ist, verstellt es dir die Sicht auf das, was ein Tanka ausmacht.

Du bleibst flexibler, wenn du Tanka von Anfang an als Gedichte aus einem Guss betrachtest, was sie schließlich auch sind. Ihre Struktur ist mit "Ein Haiku plus zwei Zeilen" denkbar schlecht beschrieben. Stell sie dir lieber als ein Zusammenspiel von Segmenten vor. Zum Beispiel 2 obere, ein mittleres und 2 untere Segmente. Oder 2 äußere und 3 innere und so weiter. Ha, da gibt es ja gleich viel mehr Möglichkeiten! Nur zu, nutze sie.

Zurück zum Baukasten. Wie du siehst, enthält er kein Material für eine Überschrift. Das ist richtig so, sie würde das Tanka nur erdrücken. Und noch etwas fehlt aus gutem Grund: ein Abstandshalter. Du brauchst ihn nicht, denn ein Tanka ist ein Ganzes, keine Konstruktion aus zwei Teilen. Die Leerzeile, die durch die deutsche Tanka-Szene geistert, war nie vorgesehen. Sie stört nur und nimmt dir viele Gestaltungsmöglichkeiten.

Jetzt kommen wir zu den Schablonen. Tanka stammen aus Japan. Deshalb sind die Schablonen für japanische Lautsilben ausgelegt. Unsere deutschen Silben sind ein wenig anders. Nicht viel, aber doch so viel, dass unsere 5- oder 7-silbigen Zeilen nie der Vorlage entsprechen werden. Vergleichen wir erst die deutsche mit der japanischen Schrift, kommen wir noch mehr ins Schwimmen. Nun möchten wir aber deutsche Tanka schreiben. Sie sollen deutlich als Tanka erkennbar sein und sich also von freien Gedichten unterscheiden.

Einige Tanka-Dichter bleiben einfach bei fünf Zeilen mit 5-7-5-7-7 Silben. Oder sie schreiben 3-5-3-5-5 Silben, die ebenfalls eine feste Form ergeben, allerdings etwas leichter, luftiger wirken. Andere bevorzugen fünf Zeilen mit ungefähr 31 Silben nach dem Schema kurz-lang-kurz-lang-lang. Und wieder andere sagen, ja, so zwischen 21 und 31 Silben und halbwegs kurz-lang-kurz-lang-lang, das käme schon hin, schließlich spielten sogar japanische Tanka-Dichter manchmal mit der Form. So geht das munter weiter: Der eine findet die Länge der Zeilen auf Papier wichtig, der andere richtet sich nach ihrem Klang.

All diese Arten, Tanka zu schreiben, haben Vor- und Nachteile. 5-7-5-7-7 Tanka sind oft zu lang und überladen. Nur wenige verstehen es, sie frisch und locker wirken zu lassen – aber es geht. Tanka freier Form machen es dir leichter, in natürlicher Sprache zu schreiben, dafür sind sie immer in Gefahr, ein freies Gedicht zu werden. Passt du nicht auf, kann ein kürzeres Tanka genauso nach hinten abgehen: dann wirkt es minimalistisch und abgehackt.

Du siehst, die Form allein ist nicht entscheidend. Es gibt wunderbare Tanka mit 5-6-4-6-7 Silben und Zeilen mit 5-7-5-7-7 Silben, die weit vom Tanka entfernt sind. Es kommt vielmehr auf das Zusammenspiel von Inhalt und Stil an, auf Sprachgefühl und einen dichterischen Blick. Wähle also die Form, bei der du dich wohl fühlst und die zu deinem Thema passt, und stelle den Baukasten ein für allemal weg. Er zeigt dir nur ein Grundgerüst, nicht wie du es mit Leben füllst. Den einen oder anderen Wink dazu gebe ich dir in den nächsten Folgen.

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Folge 2: Reinen Tisch machen

In der ersten Folge hast du den Tanka-Baukasten kennengelernt und wieder weggeräumt. Jetzt räumen wir den Tisch ganz frei, damit du ungehindert loslegen kannst. Schieb mal den Stapel da rechts beiseite, der schon auf deine Kladde zu kippen droht. Da liegt nichts? Oh, ich meinte einigen Ballast zu sehen...

Deutschland gilt als das Land der Dichter und Denker: Goethe, Schiller und wie sie heißen in ihrem Elfenbeinturm. Genau das ist für viele eine große Hürde. Sie meinen, Gedichte hätten genial zu sein, halt nichts für Normalverbraucher. So stehen sie sich selbst im Weg. Beim Versuch, den Großen nachzueifern, verkrampft sich ihr Dichtmuskel.

Mag sein, dir sitzt Goethe nicht im Nacken und du gehst ganz entspannt an Tanka heran. Aber was macht für dich ein Gedicht aus? Welche Gedichte hast du bisher gelesen und geschrieben, und wie unterscheiden sie sich von Tanka? Welche Tanka hast du kennengelernt? Japanische, englische, deutsche, gute Übertragungen oder manierierte Nachdichtungen? Ein paar Gedanken dazu lohnen, sonst passiert vielleicht dies:

Unversehens verwechselst du "tiefgründig" mit "unergründlich" und schreibst ein Tanka, das niemand versteht ... weil es nur noch dunkel und wirr ist. Oder dein Tanka wirkt verkopft statt durchdacht: ebenfalls kein Grund zur Freude.

Oder du überlädst dein Tanka beim Versuch, Bedeutungsvolles zu schreiben. Es ist ja so kurz, also bleibt dir doch gar nichts übrig als Bild auf Bild, Einsicht auf Einsicht oder Kommentar auf Kommentar zu stapeln, willst du zeigen, was du draufhast. Bemühst du dich dann noch, dich sprachlich hervorzutun, kommen allzu leicht gekünstelte Worte und andere Verrenkungen dabei herum. Das muss nun wirklich nicht sein!

Tanka heißt "kurzes Lied", nicht kurzes Rätselraten, Eindruckschinden oder Grausen. Ersticke deine Tanka also nicht mit falschen Vorstellungen von Lyrik. Schreib frisch, natürlich, einfach, klar. Das ist schwieriger als du denkst, aber äußerst wirkungsvoll.

Wenn ich länger keine Tanka geschrieben habe, oder mein Schreiben bemüht wird, weil ich zuviel will, lese ich gezielt Tanka, die mir diese Frische und Klarheit vor Augen führen. Dieses, übertragen von Makoto Ueda (1), ist eines von ihnen:

let a poem be
like a crystal bowl
filled with ice
delightfully transparent
leaving no spot invisible

Mori Ōgai

Das heißt in etwa: "lass ein Gedicht sein / wie eine Kristallschale / gefüllt mit Eis / erfreulich durchscheinend / dass keine Stelle unsichtbar bleibt". In meiner Vorstellung stelle ich die Schale mit dem Eis auf einen langsam rotierenden Drehteller. Tatsächlich, von allen Seiten sieht man hindurch. Es gibt Reflexionen, Brechungen, die das Gebilde spannend machen, aber keine Unklarheiten.

Fußnote

(1) Makoto Ueda: Modern Japanese Tanka. An Anthology. Columbia University Press New York

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Folge 3: Vom Thema zum Entwurf

Jetzt geht es los. Hast du schon ein Thema für dein Tanka? Du kannst über alles schreiben; es kommt ganz darauf an, wie du es schreibst und was du deinem Stoff abringst. Aber ein Thema muss schon her, und die richtige Wahl wird dir manches erleichtern.

Vorgegebene Themen (z.B. bei Wettbewerben und Workshops) sind meist recht allgemein. Da kannst du deiner Fantasie freien Lauf lassen. Nur, wo fängst du an, bei einem Thema wie "Winter"? Und wo hörst du auf? Stichworte und Assoziationen helfen weiter. Aus vielen Einfällen dann wenige passende auszuwählen und die anderen knallhart auszuklammern, ist leider nicht jedermanns Sache. Manches Tanka wirkt schon deshalb wie eine Liste nach dem Motto "Was mir sonst noch zum Winter einfiel". Nicht gut.

Am besten grenzt du Themen wie "Winter" oder "Abschied" gleich weiter ein, indem du sie zu zusammengesetzte Themen machst, die dir wirklich liegen. Etwa "Berlin im Winter", "Winter am Strand", "Abschied von der Zigarette" oder "Abschied im Zoo" (ja, warum immer nur am Grab oder am Bahnhof?). So bekommt dein Tanka einen Dreh, und es wird leichter, etwas Bewegung, Spannung, Richtung hineinzubringen.

Nun wählst du zwei, höchstens drei konkrete Bilder, die die Stimmung und den Kern dessen treffen, was du vermitteln willst. Diese Bilder müssen sich nicht nur auf die Außenwelt beschränken, sie können auch für deine Gefühle oder Gedanken stehen. Geschickt gewählt, können sie sogar Innen- und Außenwelt miteinander verbinden. Das eigentliche Thema solltest du dabei nicht aus den Augen verlieren.

Um verbrauchte Bilder machst du einen Bogen, damit die Klischeefalle nicht zuschnappt. Ansonsten solltest du zumindest etwas Neues mit ihnen anstellen, das überrascht, ohne an den Haaren herbeigezogen zu erscheinen. Achte darauf, dass die gewählten Bilder nicht für ein und dieselbe Sache stehen (wie "blauer Himmel" und "keine Wolken"). Damit verschenkst du nur wertvolle Zeilen und langweilst deine Leser.

Jetzt packst du die Hauptaussage oder das wichtigste Bild in zwei zusammenhängende Tanka-Zeilen. Zwei Zeilen, weil du so gar nicht erst in Versuchung kommst, mit einem Haiku anzufangen. Zusammenhängende Zeilen, weil die Sprache so am ehesten fließt. Dann ergänzt du das Tanka nach und nach zu einem ersten Entwurf.

Manchmal ist es leichter, mit den beiden letzten Zeilen anzufangen. Wenn du dein Material grob als Tanka auf Papier/im Rechner hast, kannst du immer noch ganze Passagen oder einzelne Bilder hin- und herschieben, um die stimmigste Reihenfolge zu erhalten.

Dabei spielst du mit der Struktur des Tanka. Schilderst du zum Beispiel eine Abwärtsbewegung, ist es eine gute Idee, das beim Lesen erfahrbar zu machen. Dazu stellst du dir die 5 Zeilen als 5 Schichten vor, von hoch bis tief. Schilderst du etwas Eingeengtes, kommt das in der mittleren kurzen Zeile besonders gut zur Geltung. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, Inhalt und Form in Einklang zu bringen. Du wirst sie mit der Zeit kennenlernen.

Natürlich ist dies nur eine Methode und zudem nur ein Anfang. Nicht umsonst heißt diese Folge Vom Thema zum Entwurf. Aspekte wie Stil, Klang und Rhythmus habe ich bisher ausgeklammert.

Schreibst du für dich, ohne vorgegebenes Thema, dann fang am besten dort an, wo es dich hinzieht und wo du dich auskennst. So springt der Funken am ehesten über. Es spricht nichts gegen Tanka über die Kirmes, ein Haustier oder ein Hobby. Hauptsache du behandelst deinen Stoff dem Tanka entsprechend. Wenn du ihm dann noch das Quäntchen mehr abringst, als in Worten zu lesen ist, ist dir wohl etwas gelungen.

Es liegt mir nicht so, nach vorgegebenen Themen zu schreiben, wahrscheinlich fehlen mir dazu die Übung und die Disziplin. Ich schau lieber, was auf mich zukommt. Auch so kannst du anfangen, indem du mit offenen Augen und wachen Sinnen durchs Leben gehst. Irgendetwas fällt dir auf, du machst dir davon eine gedankliche Notiz, beachtest die Stimmung, die es in dir erzeugt. Es mag etwas Unscheinbares sein, egal: Wenn es dir wieder in den Sinn kommt, steckt vielleicht ein Tanka drin.

Zusammenfassung

Dies hast du in den ersten drei Folgen gelernt:

Nicht schlecht, oder? Also los, an die Arbeit!

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Folge 4: Feinschliff

Zwischen deinem Entwurf und dem fertigen Tanka steht der Feinschliff. Nachbessern ist nicht nur erlaubt, sondern Pflicht, es sei denn, der ganze Entwurf gehört verworfen. Dieser Schritt setzt voraus, dass du Schwachstellen erkennen und auflösen kannst. Außer Sprachgefühl, etwas Begabung und einen kritischen Blick brauchst du dazu ein sicheres Gespür für das, was ein Tanka ausmacht. Nutze deshalb das gesamte Angebot von TankaNetz und lese darüber hinaus möglichst viele gute Tanka. In deutscher Sprache gibt es leider nur wenige Bücher, die für den Einstieg in Frage kommen. Hinweise findest du in der Rubrik Rezensionen.

Gut, du willst also das Beste aus deinen Entwurf herauskitzeln. Folgende Fragen werden dir dabei helfen:

Geht das Tanka mühelos und glaubhaft aus dem Thema hervor?

Im Idealfall wirkt das Tanka authentisch und als wäre es spielend leicht dahingeschrieben. Macht es einen eher bemühten, gekünstelten Eindruck, ist in der Regel die Sprache nicht natürlich oder frisch genug. Unter Umständen steht schon die Idee hinter dem Tanka auf wackeligen Beinen.

Ist das Tanka verständlich?

Wenn du schreibst, hast du ein Bild im Kopf. Ein Tanka, das Unschärfen enthält, kann dir dadurch völlig klar erscheinen. Unschärfen verwirren den Leser und sind also etwas ganz anderes als subtile Andeutungen oder gekonnt geschaffener Interpretationsraum. Leg deinen Entwurf beiseite, bis das Bild in deinem Kopf verblasst ist, dann erkennst du Unstimmigkeiten leichter.

Bleibt etwas zu entdecken?

In gelungenen Tanka schwingt Ungesagtes, unter Umständen sogar Unsagbares mit. Es entfaltet seine Wirkung über die Worte hinaus. Ein Tanka kann mehrere Bedeutungsebenen enthalten, die einander ergänzen und nicht in Widerspruch zueinander stehen. Kaue deinem Leser also nicht alles vor und überzeuge dich davon, dass dein Tanka von vordergründiger Absicht frei ist.

Ist das Tanka ausbalanciert?

Das Tanka soll insgesamt stimmig und ausgewogen sein. Ein gutes Zusammenspiel der Zeilen, ein angenehmer Sprachfluss und eine starke letzte Zeile tragen entscheidend dazu bei.

Hat das Tanka "zuviel"?

Viele Tanka wirken überladen. Prüfe deshalb, ob du Bilder streichen kannst. Verben und Nomen sind wirkungsvoller als Umstands- und Eigenschaftswörter; auf welche Adjektive, Adverbien, Gemeinplätze, Details und Erklärungen kannst du verzichten? Nicht die Fülle, sondern die treffsichere Auswahl bringt dein Tanka zum Leben.

Ist das Tanka zu dramatisch oder sentimental, hilft eine Prise Alltäglichkeit. Nimm dich zurück und baue etwas Unspektakuläres ein. Ruhige Details aus dem Randbereich des Geschehens sind dazu bestens geeignet.

Hat das Tanka "zu wenig"?

Die Sprache darf weder abgehackt noch altmodisch wirken; schreibe also nicht im Telegrammstil und überlege gut, ob du unbetonte Vokale wirklich streichen willst, um eine bestimmte Silbenzahl einzuhalten.

Zu wenig Spannung und Originalität machen ein Tanka langweilig und vorhersehbar. Auf sprachlicher Ebene kannst du mit Parallelkonstruktionen, Spannungsbögen oder Einschüben dagegenhalten. Fragesätze oder direkte Rede können ein Tanka ebenfalls auffrischen. Inhaltlich kannst du zum Beispiel unerwartete (aber stimmige!) Bilder aufgreifen, eine ungewöhnliche Perspektive wählen, andere Gedichte anklingen lassen.

Der schlimmste Fall von "zu wenig" ist ein nichtssagendes Gedicht. Soll dein Tanka den Leser berühren, musst du bereit sein, deinen Wohlfühlbereich zu verlassen.

Mit diesen sechs Fragen kommst du natürlich nicht allen Schwachstellen auf die Schliche. Aber du wirst doch nicht ernsthaft erwartet haben, dass ich dir alles abnehme? Damit würde ich dir nur einen Bärendienst erweisen! Wenn du deine Entwürfe konsequent auf diese oder ähnliche Weise befragst, wirst du deinen Blick schulen und mit der Zeit deinen eigenen Weg finden.

In der Praxis wirst du dein Tanka von Anfang an auf Fehler abklopfen, nicht erst, wenn der Entwurf steht. Vieles läuft gleichzeitig ab. Und es schadet auch nicht, ein korrigiertes Tanka abermals zur Seite zu legen und danach noch einmal zu überdenken. Manche überarbeite ich sogar nach Jahren erneut, weil sich mein Verständnis von Tanka weiterentwickelt hat.

Erstellt am 17.06.2009 ~ Zuletzt aktualisiert am 02.09.2009 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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